Von Eva Junker

Ob der Dollar ab- oder aufgewertet wird, Verkehrsstockungen den Verkehr lahmlegen oder die SPD Ärger mit den Jusos hat: Radiohörer wissen es eher. Denn runde elf Stunden lang regiert der Rundfunk an Werktagen allein auf weiter Flur: von 5.00 bis 16.00 Uhr. Dann allerdings zieht es die Bundesbürger vor den Fernsehschirm, und die abendliche Übermacht von ARD und ZDF ist nicht zu brechen.

"Um 16.00 Uhr ist das Fernsehen noch keine echte Konkurrenz", sagt Dr. Fritz Brühl, Direktor des Kölner Hörfunks. "Die Schwierigkeit für den Hörfunk beginnt zeitlich bei den Vorabendprogrammen." Auch in Hessen wird zwar insgesamt an Werktagen dem Radiohören erheblich mehr Zeit gewidmet (138 Minuten) als dem Fernsehen (103 Minuten), aber ab 18.00 Uhr sackt dort die Rundfunkkurve laut Infratest-Untersuchung von ungefähr vierzehn auf etwa sechs Prozent, um 20.00 Uhr in sich zusammen, während sie beim Fernsehen von zwölf auf über 58 Prozent hochschnellt. Beim Süddeutschen Rundfunk liegen die Spitzenzeiten für die Hörfunkbenutzung zwischen 6.00 und 13.00 Uhr: etwa fünf bis 19 Prozent; nach 13.00 Uhr sinkt sie unter fünf, nach 21.00 Uhr unter zwei Prozent. Der Bayerische Rundfunk schließlich hat vor kurzem eine Arbeitsgruppe gebildet, die die Möglichkeit einer Annäherung an Fernsehzahlen untersuchte und soeben ein Strukturkonzept vorlegte.

Wenn die Tante krank wird

Im Hörfunk überlegt man also, wie das Fernsehen zu "packen" sei. Schon zwischen dem Ersten und dem Zweiten Fernsehprogramm wird der Konkurrenzkampf immer härter, und auch die Dritten Fernsehprogramme werden popularisiert. Bayern III will mehr Sport sowie Kriminalfilme und Volksstücke senden; das WDF verspricht sich einiges von der "Talk-Show", der NDR wird seinen Unterhaltungsteil erweitern.

20 413 673 Hörfunkgeräte und 18 245 546 Fernsehapparate wurden am 1. April 1973 in der Bundesrepublik gezählt. Dennoch klotzt das Fernsehen mit Millionen von Zuschauern, und der Hörfunk kleckert mit Zielgruppen hinterdrein. Was sind schon 200 000 Zuhörer, die Hörfunkdirektor Häberlen vom Südwestfunk Baden-Baden für ein telephonisches Mittwoch-Wunschkonzert in seinem Sendegebiet registriert? "Das schwarze Schaf" mit Heinz Rühmann, erfolgreichster Spielfilm der ARD imvergangenen Jahr, lockte 27,2 Millionen Zuschauer vor die Fernseher!

Doch das Fernsehen macht Fehler, weil es starke Minderheiten ignoriert. Und hier liegt die Chance für das Radio. Die Gruppe der 17- bis 19jährigen beispielsweise hört mehr Radio, als sie fernsieht, nämlich täglich 106 zu 64 Minuten. Wer "Emerson, Lake & Palmer", "Stone the Crows", "Jack Bruce" und "Man" hören will, sieht nicht fern, sondern hört: "Pop Shop" (SWF), "Rias Treff", "5-Uhr-Club" (NDR), "Für junge Leute" (WDR), "Dienstagsparty" (Bremen) zum Beispiel. Ähnlich werden die Jazz-Freunde versorgt mit Periodicals wie "Jazz-Information" mit Dr. Schulz-Köhn (sonntags WDR III, 19.00 Uhr), "Jazz-Panorama" (vierzehntägig, NDR/WDR I, 23.05 Uhr), "Swing-Reminiszenzen" und der "Jazz-live-Sendung" vom Südwestfunk, "Jazz-Studio Frankfurt", "Club 18" (Rias), "Treffpunkt Jazz" (Süddeutscher Rundfunk).