Zahlen-Verwirrspiel

Trau, schau, wem – in der Bildungspolitik? Am besten niemandem – keinem Politiker und vor allem keiner Zahl. Daß sie meistens falsch und selten richtig sind, ist das Exakteste, was sich über Zahlen, Daten und Fakten in diesem dubiosen Gewerbe sagen läßt. Und es versteht sich von selbst, daß logische Schlüsse, die aus solchen Zahlen gezogen werden, in die Irre führen. Hauptsache, jeder Verantwortliche hat die Möglichkeit, sich das Genehme herauszusuchen. Daß das, was gestern noch richtig war, heute schon falsch sein kann, gehört mit zu diesem hoffnungslosen System.

Letztes Beispiel für das Zahlenverwirrspiel sind die bayerischen Abiturienten – doch halt! Das Beispiel lautet ganz anders, als Sie jetzt denken.

Richtig: Seit vierzehn Tagen hat jeder Deutsche mit den Bayern getrauert, weil ihre Abiturienten bei der Studienplatzvergabe in Numerus-clausus-Fächern angeblich benachteiligt waren. Mit Mühe mußten die Bayern davon abgehalten werden, ihren Kultusminister zu zerfetzen, Ministerpräsident Goppel zu steinigen. Das alles, weil die bayerischen Abiturienten bei der zum erstenmal errechneten Bundesdurchschnittsnote so weit über ihr lagen, daß sie mit einem "Malus" belegt wurden. Nicht einmal die Einser-Abiturienten könnten jetzt ein Numerus-clausus-Fach studieren, hieß es. Und gar Medizin studieren? Ein absurder Wunsch für einen bayerischen Abiturienten. Noch am letzten Dienstag beklagte die "Süddeutsche Zeitung" dieses schreckliche Los und befürchtete, daß die Studienplatzvergabe um der Gerechtigkeit willen "nicht ganz ohne Mogelei" zu machen sei.

Die Mogelei können sich die Bayern sparen. Am selben Tage wurde auch ein Brief des Hamburger Schulsenators Apel an den Präsidenten des bayerischen Verfassungsgerichtshofes bekannt. Darin wird das Gericht, bei dem Klagen bayerischer Bürger wegen des "Malus" anhängig sind, über eine erste Trendanalyse der Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen informiert. Ihre Ergebnisse würden, wenn sie sich bestätigen, alles auf den Kopf stellen, was in den letzten vierzehn Tagen für richtig gehalten wurde. In der Humanmedizin – für andere Fächer gibt es noch keine genaueren Berechnungen – würden bayerische Abiturienten 498 Studienplätze erhalten – unter Anrechnung des "Malus" von 0,2 Punkten. Unter den 20 151 Studienanfängern, die sich um einen Platz in der Medizin bewerben, machen die bayerischen Abiturienten nur 15,1 Prozent aus, sie würden aber 24,5 Prozent aller Plätze bekommen – ohne Mogelei. Ein bayerischer Abiturient hat demnach immer noch eine wesentlich höhere Chance, zum Medizinstudium zugelassen zu werden, als ein Nordrhein-Westfale.

Ob das in den anderen NC-Fächern auch so sein wird, steht noch dahin. Den Bayern sollte aber die erste Hochrechnung genügen, um ihr abenteuerliches Geschachere und Gefeilsche um bessere Bedingungen am Rande der Gesetzlichkeit aufzugeben und das endgültige Rechenergebnis abzuwarten.

Und die Moral der Geschichte? Alles, was gestern falsch war, ist heute richtig. Alles was heute richtig ist, ist morgen falsch.

P. S.: Die Traumnote 1,0 für das Abitur wurde in allen Bundesländern insgesamt 75mal vergeben, davon in Bayern 41mal. Wie man sich das zu erklären hat? Es gibt nur Spekulationen.

Zahlen-Verwirrspiel

"Schätze sich glücklich, wer in Bayern Abitur machen darf. Dort wird besser benotet" (nordrhein-westfälisches Wissenschaftsministerium).

Die Bayern hätten schon immer die wenigsten, aber die am strengsten gesiebten Abiturienten und deshalb die besten (Elite-Theorie aus dem bayerischen Kultusministerium).

"Bayern hat wahrscheinlich eine aparte Notenverteilung: Sie bevorzugen die Guten und sind fies zu den Schlechten. Bayern lieben eben die Extreme und nicht das gesunde Mittelmaß" (Bonner Bildungsministerium).

Nina Grunenberg