Von Wolfgang Hoffmann

In Fabriken, Bergwerken, auf den Äckern und in den Büros haben sie steigende Tendenz: Unfälle und Krankheiten am Arbeitsplatz. Mit 2,5 Millionen gemeldeten Unfällen und Krankheiten steht die Bundesrepublik in Europa an der Spitze der Statistik, die Unfälle und Krankheiten im Berufsleben registriert. 47 verschiedene Arten von Berufskrankheiten haben die Ärzte in der Bundesrepublik bereits diagnostiziert. Ihre Zahl nimmt eher zu als ab. Mit einem neuen Gesetz will Bonn nun dem Krankheitsherd am Arbeitsplatz zu Leibe rücken: Die Zahl der Arbeitsmediziner soll sich vervielfachen.

Obwohl die Bundesrepublik mit ihrer Sozialgesetzgebung zu den fortschrittlichsten Industrieländern gehört, vollzieht sie erst jetzt, was die vor und das Internationale Arbeitsamt und schon vor einem Jahrzehnt empfohlen haben, und was in der Mehrzahl der europäischen Länder bereits praktiziert wird: Betriebsärzte sollen sich verstärkt um die Gesundheit der Arbeiter und Angestellten am Arbeitsplatz kümmern. Denn auch im Betrieb gilt der Grundsatz: Vorbeugen ist besser als heilen.

Ministerialdirigent Georg Klisch vom Bonner Arbeitsministerium erläutert das Ziel des neuen Betriebsärztegesetzes: "Unabhängig von der Größe eines Unternehmens wollen wir erreichen, daß ärztliches Wissen in alle Betriebe hineingetragen wird." Ganz gleich, ob es sich um einen Großkonzern oder um einen Zwei-Mann-Betrieb handelt – die Arbeitgeber müssen künftig ein betriebsärztliches Vorsorgesystem schaffen, mit dessen Hilfe Berufskrankheiten am Arbeitsplatz und die Entstehung neuer Krankheiten verhindert werden sollen.

Zwar verfügen große Unternehmen bereits heute über Betriebsärzte. Bislang aber führte die Berufsmedizin noch weitgehend ein Schattendasein im bundesdeutschen Gesundheitswesen. Von den rund 100 000 ausgebildeten Ärzten in der Bundesrepublik sind bislang nur knapp 500 hauptberuflich als Betriebsärzte tätig.

Zwar üben weitere 110 Ärzte nebenberuflich eine betriebsärztliche Tätigkeit aus. Gemessen an den EG-Empfehlungen reicht diese Anzahl jedoch nicht aus, um die Gesundheitsfürsorge am Arbeitsplatz auf breiter Basis sicherzustellen. Nach den Brüsseler Empfehlungen sollte für 2500 Beschäftigte mindestens ein Betriebsarzt abgestellt werden. In der Bundesrepublik wären mithin 8000 praktizierende Arbeitsmediziner notwendig.

Wie die Arbeitgeber ihre betriebsärztlichen Einrichtungen künftig organisieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Nach den Bonner Vorstellungen gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder verpflichtet der Arbeitgeber einen Betriebsarzt hauptberuflich oder nebenberuflich oder aber er schließt! sich einer Gemeinschaftseinrichtung (etwa einem privatwirtschaftlichen Werksarztzentrum) an, das Betreuung und Fürsorge gegen Bezahlung in den Betrieben übernimmt.