Von Hans Otto Eglau

Nach Abs-Art in liebenswürdige Worte verpackt, schickte Hermann Josef Abs dem Wiener Verleger Fritz Molden eine handfeste Drohung ins Haus. „Ich hoffe ... zuversichtlich“, so der 71jährige Bankier maliziös, „daß Sie mich nicht in die Verlegenheit bringen werden, gerichtliche Schritte zu unternehmen.“

Anlaß der Abs-Attacke waren erste Presse-Veröffentlichungen über den Ende August bei Molden erscheinenden Roman „Das Tall-Komplott“ des Film- und Illustriertenautors Will Tremper („Deutschland, deine Sternchen“, „Die Halbstarken“). Der Bankier fühlt sich durch das Tremper-Opus diffamiert. Stein des Anstoßes ist – so Abs – „die auch schon früher verbreitete Behauptung .. ., ich hätte die Kündigung von Krediten und dadurch die Krise des Hauses Krupp veranlaßt, um das Unternehmen an die Deutsche Bank zu binden und selbst den Vorsitz im Aufsichtsrat zu übernehmen“.

Daß Ahs nicht nur blufft, wenn er mit dem Kadi droht, mußten vor drei Jahren schon der Kölner Verleger Manfred Pahl-Rugenstein erfahren. Mit dem von ihm herausgegebenen Titel „Der Bankier und die Macht“ des Ostberliner Autors Eberhard Czichon setzte der auf linke Schriftsteller spezialisierte Buchmacher erstmals die Komplottversion in Umlauf, nach der Abs an der Spitze einer Bankenfronde den Essener Montankonzern in die Krise gestürzt habe. In einem durch zwei Instanzen geführten Prozeß erreichte der Altbankier, daß die Czichon-Schrift eingezogen wurde und Pahl-Rugenstein an Abs 20 000 Mark Schadenersatz zahlen mußte.

Allerdings ist Franz Molden heute in einer ungleich günstigeren Position als damals sein Kölner Kollege. Denn was da auf 512 Seiten zum besten gegeben wird, ist nicht etwa eine historische Rekonstruktion der Krupp-Krise und ihrer Vorgeschichte, sondern ein – das tatsächliche Geschehen stark verfremdender – Schlüsselroman. Molden treuherzig an Abs: „In diesem Buch werden die Geschicke eines großen Industriekonzerns und seiner Probleme im Zusammenhang mit einer Exportfinanzierung nach Rotchina geschildert. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen“, so beruhigte der clevere Wiener Verleger den gekränkten Bankier, „sind nicht beabsichtigt.“

Trotz verfremdender Retuschen drängen sich jedoch selbst dem nur bruchstückhaft informierten Leser eindeutige Parallelen zum Fall Krupp auf. Die Romanfigur, statt Berthold Beitz Benjamin Bach genannt, übernimmt sich als Chef des Tall-Konzerns finanziell an hohen Exportaufträgen und wird unter maßgeblicher Beteiligung des Bankiers Josef Maria Diergard zu Fall gebracht.

Nachdem mehrere Zeitungen Moldens Neuerscheinung uneingeschränkt als „Krupp-Buch“ vorangezeigt hatten, war auch für Hermann Josef Abs klar, „daß die Leser die Hauptfiguren des Romans eindeutig mit den aus der Wirklichkeit entlehnten Personen identifizieren werden“.