Seit einem halben Jahr korrespondiere ich mit Helmut. Helmut ist 21 Jahre alt, langhaarig, sauber rasiert, muskulös, braungebrannt, tätowiert. Er ist Rocker, Rechtsbrecher, außerdem trinkt er ganz gern und "steht" auf Rock ’n Roll. Helmut sitzt im Gefängnis.

Wochenende, ein schöner Tag, eine hübsche Gegend. Ich ging auf einen Gebäudekomplex zu, der nicht ganz in dieses Bild paßte: hell, flach, einem Krankenhaus ähnlich, nur daß keine Fenster da waren und die Wachttürme auffielen

"Nur nicht befangen sein", hatte man mir gesagt, "es ist zwar ein Allerweltstip, aber mehr kann ich dir nicht sagen. Wenn es schiefgeht, nur die Zeit durchstehen. Es ist ja nur eine halbe Stunde."

Wenn ich befangen war, dann verlor ich diese Befangenheit in dem Augenblick, in dem ich Helmut die Hand gab. Glücklicherweise entstand sofort ein Gespräch. Wir unterhielten uns über seine Gartenarbeit in der Anstalt, über seine Stereoanlage, über Sport, über seine Familie, über die Vollzugsbeamten, über – das war wohl das Wichtigste – seine bevorstehende Entlassung und seine Zukunft in der Freiheit. Es ging um die Wohnung, die er mieten wollte, die berufliche Tätigkeit und die Kontakte, die er pflegen möchte.

Ich kapierte, daß er in diesem hellgrauen Kasten einen Halt findet, der "draußen" fehlt: Ordnung, Gemeinschaft, geregelten Tagesablauf. Ich wollte ihm erklären, wie man "draußen" zufrieden, ausgefüllt leben und dabei "anständig" bleiben kann und merkte dabei erschreckt, wie mager meine Argumente, waren. Mich überzeugten sie nicht – wie konnten sie ihn überzeugen?

Seine Welt ist eine andere als meine. Für ihn gelten andere Normen und Gesetze als für "normale Bürger". Freiheit erlebt er im Alkoholrausch. Was für ihn der "Zug durch die Gemeinde" ist, ist für mich die Diskussion mit Freunden. Bestätigung findet er in den Schreckensberichten über die Rocker in der Bild-Zeitung. Doch wir sind uns einig in der Ablehnung des Establishments und in der Unzufriedenheit mit unserer Lebensführung, nur gehen wir verschiedene Wege und sprechen verschiedene Sprachen. Mit dem Ergebnis, daß die Gesellschaft mich verkraften kann und ihn nicht.

"Ein Stück weiter liegt noch eine Anstalt?"