Eine Warschauer Dozentin interpretiert die deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert

Von Jörg K. Hoensch

Maria Wawrykowa: "Miedzy Pierwsza a Druga Rzesza" ("Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Reich"); Panstwowe Zaklady Wydawnictw Szkolnych, Warszawa (Staatlicher Schulbuch-Verlag, Warschau), 1972; 336 S., 26 zl

Der Zeitraum deutscher Geschichte zwischen 1789 und 1871 war in der polnischen Nachkriegshistoriographie bisher nicht in monographischer Geschlossenheit dargestellt worden. Die polnischen Historiker hielten es für vordringlich, ihre eigene Nationalgeschichte unter den drei Teilungsmächten neu zu interpretieren. Es kam ihnen darauf an, die ungebrochene Kontinuität des Anspruchs auf einen Staat nachzuweisen, der zwischen 1772 und 1795 und erneut 1815 liquidiert worden war, ein Anspruch, der trotz des frappierenden Wandels von der supranationalen Adelsgesellschaft des 18. Jahrhunderts zum modernen Gesellschaftsgefüge unseres Jahrhunderts beibehalten wurde, bis 1918 Polen wiedererstand. In diesem Rahmen wurde auch die preußisch-deutsche Polenpolitik vor der Bismarckschen Reichsgründung abgehandelt. Wer brachte in Polen schon die innere kritische Distanz auf, wer besaß schon die notwendige Detailkenntnis und zugleich die Souveränität gegenüber einem Thema, das sich nur darstellen ließ, wenn nach den Erfahrungen mit dem deutschen Nachbarn in den Jahren nationalsozialistischen Rassenwahns der Schmerz, die Vorurteile, ja, die rigorose Ablehnung überwunden waren.

Die Autorin, Dozentin am Historischen Institut der Universität Warschau, ist selbst durch die Hölle der deutschen Konzentrationslager gegangen. Dennoch hat sie, gestützt auf ihre gründliche Kenntnis der wichtigsten Archivbestände, in ihren wissenschaftlichen Arbeiten und in ihrem Lehrangebot der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Priorität eingeräumt. Sie war überzeugt, so am ehesten antideutsche Ressentiments abtragen zu können. – Frau Wawrykowa brachte also alle Voraussetzungen mit, einem breiteren Publikum die notwendigen Fakten zum Verständnis der deutschen Geschichte zu vermitteln (Erstauflage 10 000 Exemplare).

Ihr Gegenstand ist die dramatisch bewegte Zeit zwischen dem Auseinanderbrechen des überlebten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und dem Entstehen des national-deutschen Kaiserreichs ("in einer Revolution von oben in ihrer militärischen Phase"). In einer abgerundeten Synthese zeichnet sie einprägsam die großen Entwicklungslinien. Unvoreingenommen und zugleich verständnisvoll deutet sie die Antriebskräfte hinter der deutschen Nationalstaatsbewegung – von ihren Tiefen nach den preußischen Niederlagen von Jena und Auerstädt (1806) bis zu den Schlachten von Königgrätz (1866) und Sedan (1870).

Die Verfasserin ist bei der Niederschrift ihrer klar gegliederten, ansprechend formulierten und reich bebilderten Studie, die wohl vor allem Lehrer und Studenten ansprechen soll, nicht in das überholte Schema diplomatiegeschichtlicher Darstellung verfallen; sie besitzt genügend Distanz sowohl zu den schönfärberischen Arbeiten der borussischen Geschichtsschreibung als auch zu den unflexibel-kritischen Büchern vulgärmarxistischer Provenienz.