ARD, Montag, 13. August: "Blütenträume und Umweltplanung, Wien 1900"

Ein bißchen Klatsch und etwas Poesie, schöre Worte, bunte Bilder, das waren diese Blütenträume im Wien um 1900. Verliebt in den Geist der Jahrhundertwende, den morbiden Charme der k.u.k. Metropole, schilderten Bernhard Dörries und Thomas Zacharias eine Zeit zwischen Jugendstil und technischem Fortschritt.

Was nützt das ganze statistische Material über die ständig wachsenden Schwierigkeiten einer modernen Großstadt, die miserablen Lebensbedingungen der Wiener in den Arbeiterbezirken Ottakring und Favoriten, wenn sich die zerbrechliche Schönheit in Malerei und Dichtung als so widerstandsfähig erweist? Im Film überdeckte sie nüchterne Zahlen wie damals die Realität: "Böser Dinge hübsche Formel", heißt es bei Hofmannsthal.

Den Autoren gelang es, die Trennlinien durchsichtig werden zu lassen, die so verschiedene Phänomene wie Medizin, Literatur und Architektur einer Zeit nur scheinbar auseinanderhalten. Man sprach von der Seele und entdeckte den Körper: Sigmund Freud und Arthur Schnitzler gehören beide in eine Bewegung, die aus viktorianischem Zwang in selbstbewußtere Moderne führte.

Sezession, "Ver Sacrum", Jugendstil – Otto Wagner, idealistischer Planer großzügiger Stadtsanierung, versuchte mit seinen Anhängern die Kunst für technische Zweckbauten zu gewinnen. Doch sein Zukunftsoptimismus führte nach Wunderwerken in Stein und Eisen zu jenem seelenlosen Funktionalismus, dessen stärkste Ausprägung die Autoren heute im Märkischen Viertel in Berlin zu sehen glauben. "Der Ruf der Bewegung drang nicht in die Menge", klagte Hermann Bahr um die Jahrhundertwende. ihn bedrückten Ereignisse wie Ausstellungen von Möbeln für Arbeiter, die dann in den Landhäusern des Adels verschwanden. Und doch bewunderte er "das Eigene unserer seltsamen Zeit" und "den Hauch des Geistes". Ähnlich ging es den Autoren. Zierliche Verse, deren Dichter leider nicht genannt wurden, und schöne Bilder schufen Atmosphäre, zwangen das Gefühl zur Herrschaft über kritische Anmerkungen. Bittere Worte eines Karl Kraus klangen dann wie jenes Raunzen, jene leichte Weltuntergangsstimmung, ohne die Wien um 1900 nicht denkbar ist, undenkbar wie ohne die Bilder von Gustav Klimt und die Dichtung Robert Musils.

Und doch ist Stimmung statt Information immer ein bißen ärgerlich. Bernhard Dörries und Thomas Zacharias versuchten, einen Zeitgeist, der schon in seiner Gegenwart in Unwägbarem, Unbestimmtem verschwamm, stärker durch wortlose Bilder zu deuten als in nüchternen Kommentaren. Da posierte ein Mädchen in zartem Gewand im Glaspalast der Weltausstellung und in Birkenhainen um Wien, und Unkraut wuchs aus Trümmern zweier Weltkriege. Eingehüllt in die selbstgeschaffene Beziehung zu ihrem Thema, ging den Autoren die kritische Distanz verloren.

Und eigentlich war dies eine Sendung für Leute, die dieses Wien schon kannten, für Eingeweihte also, eine arrogante Sendung von der Art, wie sie das Bayerische Studienprogramm mit Vorliebe pflegt: feuilletonischer Bildungs-Nebel statt klarer Mitteilung. Katrin Börner