Wie ein friedliches, neutrales Land zwischen die Mühlsteine geriet

Von Karl-Heinz Janßen In der Nacht zum Mittwoch klirrten noch einmal die Scheiben. Rund um die kambodschanische Hauptstadt Pnom Penh bebte die Erde von den dumpfen Detonationen der Bomben. Mit einem explosiven Furioso rund um die Uhr beendete die amerikanische Luftwaffe – fürs erste – ihren neunjährigen Kampf in Indochina. Letztes Opfer war das Königreich Kambodscha, lange Zeit friedliche und tempelreiche Oase inmitten einer von Waffenlärm durchkosten Region. Bereits im Mai war die Bombenlast, die täglich auf Dörfer, Straßen, Plantagen und Dschungelzonen niederging, anderthalbmal größer als während der Weihnachtsoffensive gegen Nordvietnam, die damals die ganze Welt herauf empörte.

Eine Wand aus Feuer und Stahl sollte die Roten Khmer von den Toren Pnom Penhs fern- und seine Zufahrtswege freihalten. Niemand hat die unschuldigen Dörfer gezählt, die von dieser Hölle verschlungen wurden. Die Fehlwürfe häuften sich, weil die Leitoffiziere der Regierungstruppen nach alten Karten operierten. Viele Bauern, deren Wohnungen bei früheren Angriffen zerstört worden waren, hatten sich an anderen Plätzen, wo sie sich sicher wähnten, neue Dörfer gebaut. Sie kamen vom Bombenregen in die Traufe. Aus dem amerikanischen Bombenkrieg in Kambodscha ist der westlichen Welt die bittere Erkenntnis geblieben, daß auch ihre Führungsmacht, der Schutzpatron der Freiheit und Gerechtigkeit, nicht gefeit ist vor der Verblendung und der Versuchung durch politische, wirtschaftliche und militärische Macht. Die Präsidenten Johnson und Nixon haben in Kambodscha das Völkerrecht mißachtet, die Weltöffentlichkeit, den Kongreß und das eigene Volk hinters Licht geführt und durch rücksichtslose Kriegführung Glück und Leben von Tausenden wehrloser Menschen vernichtet. Gemessen an den strengen Maßstäben des amerikanischen Hauptanklägers im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß ist der Tatbestand mannigfacher Verbrechen gegeben.

Aber die Mächtigen der Erde sind noch nie verlegen gewesen, wenn es galt, ihre Taten und ihre Fehler vor dem eigenen Gewissen, vor der Verfassung und vor der Nachwelt zu rechtfertigen. Der Stichtag des 15. August sei, so versichern nun die Militärs, keineswegs das Produkt einer Zufallslaune. Man brauchte nur bis zu dieser Woche zu bomben, weil hernach der Monsunregen die Verteidiger Pnom Penhs ausreichend schützen werde. Und die Politiker rühmen sich, durch die Befristung der Bombenoffensive sei die Friedensvermittlung erleichtert worden. Vor Tische las man’s anders.

Als Präsident Nixon im Mai 1970 auch den Landkrieg nach Kambodscha trug, erklärte er dem amerikanischen Volk, die Operation sei unumgänglich gewesen, um das Leben der amerikanischen Soldaten in Südvietnam zu schützen und den Feind daran zu hindern, den Rückzug der Amerikaner zu stören. In seiner Fernsehansprache vom 30. April jenes Jahres sagte er: "In den vergangenen fünf Jahren hat Nordvietnam entlang der Grenze zwischen Kambodscha und Südvietnam militärische Zufluchtszonen besetzt. In den selben fünf Jahren sind weder die Vereinigten Staaten noch Südvietnam gegen diese Zufluchtszonen des Feindes vorgegangen, denn wir wollten nicht das Territorium einer neutralen Nation verletzen

Wie man heute weiß, war dies eine glatte Lüge. Vierzehn Monate lang hatten amerikanische B 52 bereits einen geheimen Krieg gegen Ziele in Kambodscha geführt; in 3632 Einsätzen hatten sie mehr als 100 000 Tonnen Bomben abgeworfen. Offiziell wurden diese Operationen als Einsätze über Südvietnam ausgegeben; Spezialisten der Luftwaffe mußten jeweils die Einsatzmeldungen fälschen und die echten Dokumente vernichten.

Warum diese Geheimniskrämerei? Offensichtlich fürchtete Präsident Nixon, er könne sich so kurz nach seiner Amtsübernahme die offene Eskalation des Krieges in Indochina nicht leisten – war er doch mit dem Versprechen angetreten, die GIs und die Gefangenen aus Vietnam so bald wie möglich zurückzuholen. (Die überaus heftigen Studentendemonstrationen im Mai 1970 nach dem Einmarsch in Kambodscha gaben ihm nachträglich recht.) Eben diese Ankündigung des Rückzugs aber war es, die den Generälen in Vietnam, die immer noch dem Phantom des Sieges nachjagten, nicht schmeckte.