Von Oscar-Erich Kuntze

Mit einem Preisstopp könte sich die Regierung vermutlich den Beifall der breiten Öffentlichkeit sichern. Derartige Eingriffe in den Preisbildungsprozeß sind nämlich – das zeigen die vielen Beispiele in anderen Ländern – zunächst überaus populär. Demgegenüber dürfte jedoch ein Lohnstopp wesentlich weniger geeignet sein, das Renommee des Kabinetts Brandt zu heben. Wachen doch gerade bei uns Gewerkschaften und Unternehmer eifersüchtig über das Recht der Tarifautonomie, das heißt ihr Recht, sich in Lohnfragen ohne die Einmischung des Staates auseinanderzusetzen. Außerdem ist auch hierzulande – ein weiteres Argument für die Aversion gegen Lohnstopps – die Auffassung zu hören, daß Lohndirigismen relativ leicht durchzusetzen seien, während zur gleichzeitigen Stabilhaltung der Preise die geeigneten Mittel fehlten.

Diese Ansicht hat den Rang eines wirtschaftspolitischen Gemeinplatzes, und das nicht nur bei uns, sondern international.

Aber kann die dirigistische Einschränkung oder gar Aufhebung der Tarifautonomie das weitere Steigen der Löhne tatsächlich verhindern, selbst wenn – was in der Regel der Fall ist – parallel hierzu die Preise kontrolliert werden? Die Antwort mag verblüffen. Sie fällt nämlich negativ aus. Denn Lohndirigismen sind nicht mit der vielfach behaupteten Wirksamkeit praktikabel, und sind somit kein geeignetes Mittel zur Durchbrechung einer schnellrotierenden Lohn-Preis-Spirale. Das jedenfalls lehren die einschlägigen Erfahrungen unserer europäischen Nachbarn, die sich in den letzten Jahren immer häufiger dieser Notlösung bedienten.

Nicht weniger als zwölf Länder griffen während der letzten Jahre auf diese ultima ratio der Einkommenspolitik zurück: Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Island, Jugoslawien, die Niederlande, Norwegen, Österreich, die Schweiz und Spanien. Volkswirtschaften also, die sich in vielfältiger Weise, so etwa in puncto Entwicklungsgrad, Wirtschaftsstruktur, Wirtschaftswachstum, Streikfreudigkeit, Arbeitsmarktsituation, Wirtschaftsordnung und selbst in politischer Hinsicht voneinander unterscheiden.

Ein buntes Bild also. Und es wird in verwirrender Weise ergänzt durch eine variantenreiche Methodik – zusammengefaßt unter dem Begriff Lohndirigismus –, welcher sich die verschiedenen Regierungen über längere oder kürzere Zeiträume hinweg bei ihrer marktordnungswidrigen Lohnpolitik bedienten.

Das schwerste dirigistische Geschütz ist der absolute Lohnstopp. Er wurde jedoch nur in Großbritannien, Jugoslawien (lediglich in einigen Wirtschaftszweigen) und Spanien, und damit relativ selten dekretiert. Ihm folgte regelmäßig als erster zaghafter Schritt in Richtung Liberalisierung – so auch im Falle dieser drei Länder – eine Zeitspanne, in der die Lohnerhöhungsraten von Amts wegen festgelegt werden.