Nach der sowjetischen Invasion in die ČSSR begann Moskaus Europa-Offensive

Von Andreas Kohlschütter

Nixon in Moskau, Breschnjew in Washington, Eröffnung der europäischen Sicherheitskonferenz in Helsinki, Aufnahme der europäischen Gespräche über Reduzierung von Truppen und Rüstungen – das Tempo ist atemberaubend. Die Politik läuft der Geschichte davon.

Vor fünf Jahren, als in der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 die sowjetischen Panzer in Prag einrollten, hatte es den Anschein, als werde der gerade erst zaghaft in Gang gekommene West-Ost-Dialog auf lange Zeit verschüttet. Die gaullistische Deutung, daß es sich dabei um einen kurzfristig reparablen "Verkehrsunfall" auf dem Weg zur europäischen Entspannung handle, wurde mit Empörung zurückgewiesen. Ebenso die höhnische Tass-Behauptung, daß die Invasionsmaßnahmen "dem Frieden dienen und von der Sorge um seine Festigung diktiert" seien. Der Verdacht verdichtete sich, daß die Kremlführer die europäischen Gesprächsbrücken abreißen und zu einer offensiven Europapolitik der Gewaltandrohung und Gewaltanwendung zurückkehren wollten.

Dieser Verdacht hat sich als falsch erwiesen. Der Brückenschlag zwischen Ost und West ging weiter – trotz Prag. Ja, so grotesk dies klingen mag, er wurde in seiner ganzen operativen Breite erst möglich durch die brutale Unterdrückung des tschechoslowakischen Experimentes mit dem Sozialismus und der Freiheit.

Defensive Breschnjew-Doktrin

Breschnjew war nicht "verrückt geworden", wie es nach dem Einmarsch die überall in Prag auftauchenden Wandschriften meinten. Der Invasionsplanung lag kein irrational-aggressives Pokerspiel, sondern präzises Machtkalkül zugrunde. Breschnjew war nicht auf Eroberungen aus, sondern auf das Halten der alten, nach 1945 in Osteuropa bezogenen Stellungen. Die Breschnjew-Doktrin wurde in Moskau als Abwehrdoktrin verstanden, nicht als Angriffsdoktrin – als ein Instrument, um die Kräfte des Wandels im osteuropäischen Hegemonialraum und auch im sowjetischen Mutterland unter Kontrolle zu halten.