Von Heinz Michaels

Noch herrscht in den Industriehochburgen der Bundesrepublik Ruhe. Selbst die kommunistische Wochenzeitung "UZ" konnte in ihren letzten Ausgaben nur jeweils zwei bis drei wilde Streiks vermelden. Dabei bemühen sich die Genossen in der Redaktion des offiziellen Organs der DKP, jede noch so kurze Arbeitsniederlegung zu registrieren, mit der gegen hohe Preise protestiert und für eine "Teuerungszulage" gestritten wird. Im Mai waren es wöchentlich immerhin ein gutes Dutzend.

Doch die Ruhe ist trügerisch. Wenn erst einmal die Urlaubsstimmung verflogen ist, wenn die Klagen der Frauen wieder dringlicher werden, daß sie mit dem Haushaltsgeld nicht auskommen, weil die Preise weiter steigen, dann wird es auch in den Betrieben wieder stärker rumoren. In den Gewerkschaftsbüros wird schon heute unterirdisches Grollen aufmerksam und mit Sorge registriert.

Typisch ist ein Vorfall der letzten Woche in Dortmund. Am Mittwochvormittag legten dort die 1800 Beschäftigten einer Getränkemaschinenfabrik die Arbeit nieder. 24 Stunden später lief die Produktion wieder an, nachdem die Arbeiter die Zusicherung hatten, daß sie eine Zulage erhalten werden. Eine offizielle Information gab es nicht, doch sickerte durch, daß sich Firmenleitung und Betriebsrat auf eine Zulage von 250 Mark bis Jahresende geeinigt haben – im Vorgriff auf eine zu erwartende tarifliche Neuregelung des Urlaubsgeldes.

Die Geschäftsführung feilschte auch nicht lange. Sie wandte nur ein, daß sie nicht "Vorreiter in Dortmund" sein wolle. Die Betriebsräte konnten sie beruhigen. In aller Stille hatten in den vorhergehenden Wochen schon mehrere Dortmunder Firmen Lohnzulagen vereinbart.

So werden unter dem Tisch Zugeständnisse gemacht, die offiziell von den Arbeitgeberverbänden abgelehnt werden. Denn von 250 oder 280 Mark Sonderzahlung auf eine Urlaubsgeldregelung hin war zwischen den Tarifparteien auch schon die metallindustriellen Arbeitgeber mit der IG Metall am 30. Mai – ergebnislos, wie gesagt.

Verzweifelt versuchen nun die Gewerkschaftsführer, das Heft in der Hand zu behalten. Für Rede, zuletzt in einem Spitzengespräch der sie geht es längst nicht mehr um die Frage, ob sie mit ihrer Tarifpolitik den Stabilitätsbemühungen der Bundesregierung Flankenschutz geben, sollen. Für sie geht es nur noch darum, nicht zwischen den Fronten zerrieben zu werden und ihre Autorität gegenüber ihren Mitgliedern wie gegenüber ihren Tarif Vertragspartnern zu behaupten.