Es ist schon einigermaßen absonderlich: Da stellt sich der französische Landwirtschaftsminister hin und behauptet unverfroren, die Bundesrepublik gehe allmählich auf Distanz zu Europa – nicht nur Josef Ertl, sondern die ganze Regierung Brandt.

Nun ist der "brodelnde" Monsieur Chirac, wie ihn Le Monde nennt, ein Staatsmann, an dem von Anfang an Klobigkeit des Denkens und Auftretens in der kurzen Frist seines internationalen Wirkens mehr auffielen als diplomatische Differenziertheit und Finesse; er pflegt sein Talent, in stramm-gaullistischem Stechschritt stets zur Unzeit ins Fettnäpfchen zu treten.

Der Tenor seiner Ausführungen lehnt sich eng an Gedanken an, die Pompidou in den vergangenen Monaten mehrmals im kleinen Kreise preisgegeben hat. Es waren schwarze Gedanken über die Zukunft Europas; gekennzeichnet von einer Morosität, die nachträglich den Gerüchten über eine schwere Erkrankung des Staatspräsidenten und die unguten Folgen einer angeblichen Cortison-Behandlung Substanz zu verleihen scheinen. Jedenfalls scheinen seine Analysen mehr einem düsteren Gemüt zu entspringen als einem klaren analytischen Verstand, vor allem der uns betreffende Teil: daß die Westdeutschen der übermächtigen Verlockung der Wiedervereinigung qua Finnlandisierung nicht würden widerstehen können.

Die Bundesrepublik braucht sich nicht jeden Stiefel anzuziehen, den irgend jemand zurechtschustert; diesen schon gar nicht. Wir sind keine "Wanderniere", Willy Brandt hat das immer wieder gesagt. Und wo wir eben mit dem Grundvertrag die Idee des geeinten Vaterlandes Deutschland zu den Wiedervorlage-Akten für den Sankt-Nimmerleins-Tag geschrieben haben, liegt uns logischerweise um so mehr daran, das Ersatz-Vaterland Westeuropa alsbald voll erblühen zu sehen. Wenn Frankreichs Bonner Botschaft die bundesrepublikanische Landschaft richtig vermißt und wenn ihre Berichte in Paris gelesen werden, müßte das eigentlich auch im Elysee geläufig sein.

Nein, umgekehrt wird ein Schuh daraus. Nicht die Westdeutschen sind es, die sich von Europa abzukehren drohen. Vielmehr sind es die Franzosen, die es offenbar noch immer nicht übers Herz bringen, sich voll zu Europa hinzuwenden; und dies in einem Augenblick, da sie lautstark die Eventualität amerikanischer Vorherrschaft und/oder sowjetischer Hegemonie und/oder deutscher Neutralitäts-Sehnsucht bejammern. In einer Situation, in der es nach ihrer eigenen Analyse darauf ankäme, für Westeuropas schleuniges Zusammenwachsen zu sorgen, blockieren sie jede Gemeinschaftsaktion, die nicht ausdrücklich in den Römischen Verträgen vorgesehen ist. Sie boykottieren die MBFR-Gespräche; sie behindern die Formulierung einer gemeinsamen westeuropäischen Antwort auf Henry Kissingers atlantische Initiative; sie bremsen die Harmonisierung der Wirtschafts- und Währungspolitik. In ihrer Widerborstigkeit tous azimuts blockieren sie den Weg zu der einzigen Lösung, die sie von ihren eingebildeten Gespenstern befreien könnte: den Weg zur europäischen Einheit,

Obendrein aber jammern dann Stichwort-Verwerter wie Monsieur Chirac, die Westdeutschen wendeten sich von Europa ab. Sie tun es mitnichten. Bloß: Wenn die Franzosen weiter am EG-Feuer nur ihr nationales Süppchen kochen, braucht niemand sich zu wundern, wenn sie in Bonn Nachahmer finden. Wir Westdeutschen haben von Europa viel profitiert, vor allem unsere Industrie; aber wir haben auch viel dafür bezahlt. Der Gemeinsame Agrarmarkt kostet uns täglich vier Millionen Mark. Für die Regionalpolitik werden wir ebenfalls zur Kasse gebeten werden; für manches andere wie den gemeinsamen Währungsreservefonds auch. All dies läßt sich rechtfertigen als Beitrag zu Europa – als bloßer Zuschuß zur französischen Landwirtschaft aber nicht.

Pompidous finstere Anwandlungen lähmen den Ausbau Europas just in einem Augenblick, in dem die Gemeinschaft eigentlich auf "ganze Kraft voraus" geschaltet werden müßte. Ihr analytisches Unterfutter hat mit der tatsächlichen Lage keinerlei Ähnlichkeit. Kein Verantwortlicher in der Bundesrepublik denkt, wie Frankreichs Staatspräsident glaubt, daß er denkt.

Noch ist die Gefahr der self-fulfilling prophecy auszuschließen: daß wir uns am Ende nach dem richten werden, was die Franzosen uns einzureden suchen. Für alle wäre es freilich besser, Pompidou würde, anstatt morbiden Wahnvorstellungen zu huldigen, sich zu kühnen europäischen Initiativen aufraffen, um die Bundesrepublik noch stärker, noch unumkehrbarer in das Gefüge der Gemeinschaft einzubinden.