Hildesheim

In diesen Tagen packen 120 junge Türkinnen im fernen Anatolien ihre Koffer, um sich zu einem gewagten Unternehmen auf den Weg zu machen. Ihre Reise nach Hildesheim ist ein Sprung über Jahrhunderte in eine fremde Umwelt, von deren Kultur und Lebensart sie kaum eine Ahnung haben. In Hildesheim warten die Blaupunkt-Werke dringend auf diese Verstärkung; noch im Laufe dieses Jahres sollen weitere Türkinnen nachfolgen. Die Rundfunk- und Fernsehwerke haben gute Erfahrungen mit Türkinnen gemacht. Die neben anderen Ausländern hier bereits tätigen 1400 jungen Mädchen und Frauen aus dem Land jenseits des Bosporus haben sich ausgezeichnet bewährt.

Während die ersten türkischen Gastarbeiter sang- und klanglos ihren Einzug in Hildesheim gehalten haben und unauffällig unter den Eingesessenen leben, hat die neue Gruppe bereits vor der Ankunft Schlagzeilen gemacht. Auf der Suche nach geeigneten Unterkünften hat das Unternehmen nämlich einen ungewöhnlichen Weg beschritten. Es mietete in einem der jüngsten und schönsten Stadtteile, im Trockenen Kamp, ein fast fertiges, bis zu zwölf Geschossen hohes Terrassenhaus mit allen 79 Wohnungen. Eigentümer sind eine Bank und zehn Einzelbesitzer.

Für dieses "Vier-Sterne-Objekt für Kapitalanleger in idealer Lage am dicht bewaldeter. Rottsberg" war ein Mietpreis von 5,50 Mark pro Quadratmeter garantiert worden – ein Betrag der bei der Ausstattung mit kompletter Küche, zwei Balkons, Teppichböden, Isolierverglasung Fahrstuhl, Müllschlucker und Garage durchaus angemessen erscheint. Auch Blaupunkt akzeptierte diesen Preis, ließ die Wohnungen für den neuen Verwendungszweck umbauen und völlig einrichten. Je zwei Türkinnen werden in einen Wohnraum einziehen. Jede zahlt 70 Mark Miete im Monat inklusive Küche, Strom, Wasser, Müllabfuhr. Das Unternehmen wird freilich zuschießen müssen. Es kann sich aber damit trösten, daß es die schönste und besteingerichtete Gastarbeiterunterkunft in der Bundesrepublik besitzt.

Weniger begeistert über ihre künftigen Nachbarn sind allerdings manche Bewohner des neuen Stadtteils. Zwar hat niemand etwas dagegen, daß ausländische Arbeitskräfte anständig untergebracht werden – nur möchte man sie nicht unbedingt direkt vor der eigenen Haustür haben. Und weil die Wohnungen in drei weiteren Terrassenhochhäusern nur schwer abzusetzen sind, wuchs die Befürchtung, daß auch dort Ausländer einziehen werden. Werkleitung und Bauunternehmen haben diese Bedenken inzwischen zerstreut. Im übrigen soll eine Hausordnung "Auswüchse" verhüten, eine Hausordnung, die die Türkinnen sogar selbst gewünscht haben. Vielleicht, weil ihnen der Sprung über Jahrhunderte und in einen anderen Erdteil selbst nicht ganz geheuer vorkommt.

W. Erich Pfund,

Redakteur der Hildesheimer

Allgemeinen Zeitung