Von Peter Dubrow

Zwei Jahre, bevor der Erste Weltkrieg ausbrach und mit einigen hundert Segelschiffen, der leichtesten Beute der Unterseeboote, jene Welt, aus der sein literarisches Werk hervorgegangen war, zu Grunde ging, hatte Joseph Conrad als "die einzige unserer Empfindungen, die unmöglich geheuchelt werden kann", die Resignation bezeichnet – "eine bewußte, von Liebe durchdrungene, offenen Auges geübte Resignation".

Die altersweise, unbeweisbare, unwiderlegbare Sentenz liefert, wie man so sagt, einen Schlüssel zu seiner Arbeit überhaupt; vor allem aber subsumiert sie (in seinem zweiten Erinnerungsbuch "A Personal Record", deutscher Titel: "Über mich selbst") sein erstes, 1906 gedrucktes Erinnerungsbuch, das nun in der neuen deutschen Ausgabe der gesammelten Werke in Einzelbänden erschienen ist –

Joseph Conrad: "Der Spiegel der See", Erinnerungen und Eindrücke (Originaltitel: "The Mirror of the Sea"), aus dem Englischen von Ernst Wagner; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 234 S., 22,– DM.

Es ist das Buch, das seinen Autor vollends zum "Dichter der See" gestempelt hat. Wenn Joseph Conrad zitiert wird, und das geschieht allenthalben, wo historisches Salzwasser irgendein Seefahrer-Vorwort würzen soll, dann stammen die meist minder genauen Zitate zu neunundneunzig-Komma-neun Prozent aus diesem Buch, zu dem Joseph Conrad in einer dreizehn Jahre später vorangesetzten knappen Bemerkung erklärt hat, daß es "in vollkommener Aufrichtigkeit geschrieben worden ist und nichts verbirgt als die bloße körperliche Gegenwart des Verfassers".

In seiner Offenheit wurde es dann zu einer Goldgrube, die man ausbeuten kann, ohne lange zu graben; und daß hier als Überschrift über ein paar Anmerkungen zum "Spiegel der See" sich ebenfalls ein Zitat daraus aufdrängt, mag gleich als Indiz dafür gelten, wie sehr, wenn es um See, Seefahrt und Joseph Conrad geht, eben Joseph Conrads Wort- und Sätzeschatz zum schnellen Griff verleitet.

"Häfen taugen nichts", läßt er den Ersten Steuermann einer Bark sagen, als dieser Mann, der im Dienst die Disziplin in Person ist, volltrunken vom Landgang an Bord zurückkehrt; denn "Schiffe verrotten, Männer gehen zum Teufel". Solche Lakonie steht am Ende eines "In Gefangenschaft" benannten Kapitels, in dem Segelschiffe im Hafen, an Ankerketten und dicken Trossen, betrachtet werden; und dabei ist von Dockmeistern, Hafenkapitänen, Schleusenwärtern und dergleichen als vom "Schwarm der Abtrünnigen" die Rede, wobei kein Zweifel bleibt, daß auch Joseph Conrad sich als abtrünnig empfindet.