Chicago ist die nationale und in der Tat die Welthauptstadt der geschichtlichen Wahrzeichen der modernen Architektur. Fast die ganze Geschichte dessen, was wir‚ zeitgenössische Konstruktion‘ nennen, läßt sich in Chicago untersuchen. Denn Chicago ist die Geburtsstätte der modernen Architektur..." So steht es in Hugh Dalziel Duncans Einleitung zu einem Architekturführer mit dem lakonischen Titel "Chicagos berühmte Bauten".

Berühmt sind sie schon, die Inkunabeln der modernen Architektur, aber oft nur vom Hörensagen. Sie nunauch allgemein bekanntzumachen, Geschichte und Entwicklung des Bauens in dieser Stadt im Zusammenhang darzustellen, ist die Absicht einer Ausstellung in der Münchner Neuen Sammlung: "100 Jahre Architektur in Chicago".

Sie ist – wie gewohnt begleitet von einem informativen, gut bebilderten Katalog (bei dem man allerdings das in diesem Fall dringend erwünschte Register vermißt) – von Männern der Praxis gemacht. Sie betont die konstruktive Seite des Bauens in Chicago mehr als die formalästhetische. Dadurch ist sie für viele sicher schwerer zu "lesen" als andere Ausstellungen dieser Art, doch ist das für Besucher, die gewohnt sind, Architektur vorwiegend aus ästhetischem Blickwinkel zu betrachten (und das tut, Kunsthistoriker mit eingeschlossen, eigentlich jedermann), eine heilsame Lektion: Es zeigt sich nämlich, daß zumindest im modernen Bauen der formale Aspekt vom konstruktiven gar nicht zu trennen ist. Falls es das Ziel der Veranstalter gewesen sein sollte zu zeigen, daß in den letzten hundert Jahren die Technologie von einer Dienerin zur Herrin der Architektur sich gewandelt hat, dann ist dies in vollem Umfang gelungen.

Eigentlich ist es mehr als seltsam, daß ausgerechnet Chicago zur "Geburtsstätte der modernen Architektur" geworden ist. Dafür gibt es einen vordergründig einleuchtenden Grund: Die erst in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts gegründete Stadt ist 1871 durch eine Brandkatastrophe, das "Great Fire", zu einem großen Teil zerstört worden und mußte neu und diesmal sicherer errichtet werden.

Geld zum Wiederaufbau war vorhanden – Chicago, ein sprunghaft wachsendes Handels- und Industriezentrum, war reich. Doch damit ist noch nicht erklärt, wieso damals tatsächlich moderne, zeitgemäße Architektur entstehen konnte. William le Baron Jenneys "First Leiter Building" (1879), ein Warenhaus, bei dem erstmals die Skelettbauweise verwendet wurde, oder Henry Hobson Richardsons "Marshall Field Wholesale Store" (1885–1887) mit gleichen konstruktiven Merkmalen sind erste Beispiele dieses neuen Bauens, das vielleicht dennoch Episode geblieben wäre, wenn nicht Louis Henri Sullivan dieser technisch fortgeschrittenen, aber utilitaristischen Warenhaus- und Büroarchitektur die höheren ideologischen Weihen gegeben hätte.

Sullivan war der "Philosoph" der "ersten Chicagoer Architekturschule", ein "Prophet der modernen Architektur", der "Walt Whitman der amerikanischen Architektur" (Lewis Mumford); für ihn bedeutete Bauen gestaltete Umwelt für die Gemeinschaft, Architektur erhielt durch ihn ihre Aufgabe in einem demokratischen Staat zugewiesen. "Demokratie kann ohne gute Architektur nicht existieren", so hat Duncan Sullivans Überlegungen zusammengefaßt, "und gute Architektur kann ihrerseits nur von Menschen geschaffen werden, die in Freiheit und Würde auf Erden wandeln."

Das "Auditorium Building" (1886–1889), gemeinsam mit seinem Partner, dem Ingenieur Dankmar Adler errichtet – Bürohaus, Hotel und Theater in einem –, ist der eindrucksvollste von Sullivans erhaltenen Bauten, das Warenhaus von Carson, Pirie und Scott (1899–1904) derjenige, welcher am genauesten verdeutlicht, was seine berühmte, gründlich mißverstandene Maxime form follows function eigentlich meinte, nämlich die Übereinstimmung von Gestalt und Zweck eines Bauwerks, pragmatisch und ästhetisch.

Dieses Warenhaus bezeichnet Höhepunkt und Ende der ersten Schule von Chicago. Lange ereignete sich dann in der Architektur nichts mehr von Bedeutung. Erst mit der Ankunft Mies van der Rohes 1937 erhielt das Bauen neue Impulse – er kam, wie ein amerikanischer Architekt sagte, als der rechte Mann im rechten Moment an den rechten Ort. Der Neubau des Illinois Institute of Technology (an dem er auch lehrte) wurde zu seiner Lebensaufgabe. Lehrer und Architekt, in dieser doppelten Funktion wurde Mies zum Vorbild der jüngeren Architektengeneration. Er bewirkte eine "Wiedergeburt" der Architektur: Die "zweite Chicagoer Schule der Architektur" ist ohne ihn nicht zu denken, auch wenn er weniger an die Tradition der ersten Schule anknüpfte als andere, sagen wir Skidmore, Owings und Merrill. Heute erlebt Chicago, das demonstriert die Ausstellung eindrucksvoll, seine zweite Gründerzeit. Helmut Schneider