Von Christel Buschmann

Die Ehe ist die Hölle: Von dieser Idee profitieren Verlage, Buchhändler und Autoren. Weniger diejenigen, für die sie doch angeblich ihre aufwendige Verarbeitung zum teuren Anti-Ehe-Buch erfahren hat: die Eheleute und vor allem die Heiratskandidaten. Immer mehr Theorie zu Tod und Anachronismus von Ehe und Familie, immer gruseligere Erfahrungsberichte Leidtragender (man erinnere sich mit Schrecken an den Leidensweg des Ehepaars Grunert) – und dabei immer mehr Eheschließungen. Denn grau ist alle Theorie, die besten schlechten Erfahrungen helfen nicht, wenn man sie nicht selber macht, der Zauber der Liebe findet nach allgemeiner Vorstellung seine höchste Vollendung erst in dem Wunsch nach Ehe, und außerdem: Wenn schon die sicher meist ungleich überzeugendere Ehepraxis der Eltern die lieben Kinder nicht davon abhält, sich eine ähnliche Zwangsjacke anzuziehen, wie sollten es die wohlgesetzten Worte einer wohlsituierten Karrierefrau, verheiratet, ein Kind –

Kathrin Perutz: "Verdammte Ehe"; C. Bertelsmann Verlag, München/Gütersloh/Wien; 216 S., 22,– DM.

"Der gegenwärtige Zustand der Ehe erzeugt einen Kinnbackenkrampf, der das Opfer daran hindert, von seiner Zwangslage zu sprechen": So sieht es aus, nach Kathrin Perutz, und so soll es nicht bleiben. Lobenswertes Engagement beflügelte sie zu einem Buch, das allerdings den Widerspruch gedankenlos dahinleidender Eheleute reproduziert: um die Hölle wissen und sie dennoch erhalten wollen. Zwar argumentiert Kathrin Perutz fast pausenlos gegen die Ehe, doch nicht zu dem Behufe, diese abzuschaffen, sondern um sie durch das Bewußtmachen von Problemen zu retten, die zum größten Teil bei Nichtheirat gar nicht erst auftreten würden.

Warum einfach, wenn’s auch schwer geht, muß sie sich gesagt haben: "Es wäre leicht, einfach nur ein Buch gegen die Ehe zu schreiben und mit dem Finger auf all das zu zeigen, was an dieser Institution nicht stimmt, ihre lustvolleren Seiten zu unterschlagen und schließlich zu folgern, daß nicht verheiratet sein sollte, wer verheiratet ist, und jene ledig bleiben sollten, die noch nicht geheiratet haben."

Die Ehe, so lautet die Empfehlung – die Ehe, die "das Ende der Selbstentwicklung, der unnatürliche Tod des Geistes", "das Ende aller kreatürlichen Lüste ist und höchstens als Konsumeinheit tadellos funktioniert, in "ihrer augenblicklichen Erscheinungsform", muß verändert werden. Denn: "Es gibt keinen Grund, warum die Ehe nicht existieren... sollte – sofern wir die richtige Vorstellung von ihr haben...

Die richtige Vorstellung enthält der Perutz-Plan. Als zusätzliche Pflichtübungen werden eingeführt: Probeehe, Probetrennung, Probescheidung, Probekinder nicht; im Gegenteil dürfen Eltern nur dann Kinder kriegen, "wenn sie wirklich Kinder wollen", und zusätzlich zum Wohnungs- und Probeehenachweis soll eine staatliche "Zuchtgenehmigung" erbracht werden. Andere wohlmeinende Vorschläge sind etwas weniger abstrus: keine Einkommensteuerermäßigung für Jungverheiratete, Anerkennung von Homosexuellen- und Gruppenehen, "Standardisierung der Löhne", "Ausmerzung der Geschlechtskrankheiten", Abschaffung aller Gesetze, "die sich auf Geschlechtsakte beziehen", und so weiter im Text. Das ist fast alles schön und gut, aber wenn überhaupt, dann profitieren fernere Geschlechter davon; Eheleuten von heute dürfte allenfalls geholfen sein mit den aufklärenden Überlegungen, die Kathrin Perutz’ Plan-Kapitel vorangehen. Sie könnten vielleicht wirklich dazu beitragen, die eine oder andere "Kinnbacke" zu lockern, und Verheiratete zur Abwechslung einmal dazu bringen, statt an sich selber an der Institution Ehe zu zweifeln und sich des Sonntags von den immer so glücklich aussehenden Nachbarn mit den reizenden Kindern in dem blitzenden Auto nicht ins Bockshorn jagen zu lassen.