DIE ZEIT

Gespielte Humanität

Seit dem Bau der Berliner Mauer sind nur noch selten Straftäter von der Bundesrepublik an die DDR und umgekehrt übergeben worden.

Israel am Pranger

Diesmal hat sich Israel vor aller Welt ins Unrecht gesetzt. Dayans Kaper-Coup gegen die irakische Passagiermaschine, mit dem der palästinensische Terrorchef Habasch gefangen werden sollte, war ein Anschlag auf das internationale Recht, Er wäre selbst dann nicht zu billigen gewesen, wenn jener "Erzmörder" Habasch – so Dayan – in dem Flugzeug gesessen hätte.

Bonn ging auf den Leim

Im Umgang mit politischem Porzellan haben sich die Bonner Regierungen nie sonderlich geschickt erwiesen. Das gilt auch für die Regierung Willy Brandts, wie die Behandlung des Themas DDR-Flucht und des möglichen Mißbrauchs der Transitwege nach Westberlin in diesen Tagen zeigt.

Falsche Adresse

Es ist schon einigermaßen absonderlich: Da stellt sich der französische Landwirtschaftsminister hin und behauptet unverfroren, die Bundesrepublik gehe allmählich auf Distanz zu Europa – nicht nur Josef Ertl, sondern die ganze Regierung Brandt.

Atempause

Im Gegensatz zu den parteipolitischen Rangeleien, die er sich vorher nur allzuoft leistete, hat der Bundestagsausschuß zur Aufklärung der Steiner-Wienand-Affäre bei seinen letzten Vernehmungen vor der Pause ein hohes Maß an Sachlichkeit und Konzentration bewiesen.

Kambodscha: Bombenkrieg "mit reinem Herzen"

Von Karl-Heinz Janßen In der Nacht zum Mittwoch klirrten noch einmal die Scheiben. Rund um die kambodschanische Hauptstadt Pnom Penh bebte die Erde von den dumpfen Detonationen der Bomben.

Neue Nebenrolle für Madame Mao?

Mehr und mehr rücken in China die Führungskräfte aus dem zweiten Glied nach vorn. Jene fünfzig- und sechzigjährigen Funktionäre, die während des Längen Marsches, im entlegenen Yenan oder im Krieg gegen Japan in die Chinesische Kommunistische Partei eintraten, wollen nach einem Ausscheiden des Parteiführers Mao durch "kollektive Führung" das Machtvakuum ausfüllen.

Zeitspiegel

Während des Vietnamkrieges war auch die Volksrepublik China Kampfgebiet amerikanischer Truppen. Wie Newsweek meldet, operierten amerikanische Froschmänner vor der chinesischen Küste.

Beamte mit Zwei-Klassen-Recht?

Die Frage, ob Radikale in den öffentlichen Dienst aufgenommen werden sollen und ob ihnen diese Aufnahme überhaupt verwehrt werden kann, hat eine politische und eine rechtliche Dimension.

Wolf gang Ebert: Tricky Willy

Jetzt sind wenigstens die Bonner Koalitionspolitiker wieder glücklich. Einige Tage lang waren sie nämlich ziemlich unglücklich.

Nixons Europareise: Warnschuß

Präsident Nixon hat in diesen Tagen in persönlichen Briefen an europäische Regierungschefs seine für den Spätherbst vorgesehene Europareise in Frage gestellt: Er werde nicht kommen, wenn nicht vorher jene gemeinsame amerikanisch-europäische Grundsatzerklärung vereinbart und formuliert werden könne, die Henry Kissinger unter dem Stichwort "Neue Atlantik-Charta" im April zum erstenmal in die Debatte geworfen hatte.

Preisstopp in Italien: Rumor hat hundert Tage Zeit

Das Bild eines Militärpfarrers mit Ordenübersäter Brust schwebte über der Ver-Sammlung: Der Priester. Don Manzoni, vor fünfzig Jahren von Mussolinis Faschisten hinterrücks ermordet, wurde von der christdemokratischen Parteiführung in Ravenna sozusagen als Schutzheiliger beschworen – für ihre neue Notgemeinschaft mit der demokratischen Linken, aber auch mit sich selbst.

Nagelprobe

Aus den Abschluß Verhandlungen der Bundesregierung mit Prag, Budapest und Sofia wird zusehends eine Nagelprobe auf die Bonner Ostpolitik.

Unbequemer Mahner

Vor zwei Monaten hielt der Präsident des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Hans Josef Horchem, bei einer Nato-Regionaltagung in Oslo einen Vortrag über Europa und den Marxismus.

Moçambique: Zahlt Bonn für den Terror?

Moral und politische Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist ein schwieriges Geschäft. Die SPD hat das spüren müssen, als sie sich erlaubte in die Tat umzusetzen, was sie auf ihrem Parteitag in Hannover beschlossen hatte: Nationalen Befreiungsbewegungen die Solidarität der Partei und politische wie humanitäre Unterstützung zukommen zu lassen.

Zum 21. August 1968: Ein bitterer Preis

Nixon in Moskau, Breschnjew in Washington, Eröffnung der europäischen Sicherheitskonferenz in Helsinki, Aufnahme der europäischen Gespräche über Reduzierung von Truppen und Rüstungen – das Tempo ist atemberaubend.

Abhör-Affäre in Bremen: Wut des kleinen Mannes

Die Post hat den Bremer Fernmeldehandwerker Bernd Bahlmann fristlos entlassen. Grund: Er hat das Dienstgeheimnis gebrochen. Der 25 Jahre alte Facharbeiter kann von sich sagen, er habe die erste Spur von Licht in die verworrene Bremer Abhöraffäre gebracht.

Verwaltungsreform in Baden-Württemberg: Den Räten an den Kragen

Für Baden-Württembergs Beamte brechen unruhige Zeiten an. Wenn Wirklichkeit wird, was die Stuttgarter Regierung kürzlich bekanntgegeben hat, dann wird unter ein paar Tausend Oberregierungslandwirtschaftsräten, Regierungsvermessungsdirektoren, Oberregierungsschuldirektoren und wie sie alle heißen in den nächsten Jahren das große Möbelpacken beginnen.

Unglück auf der Zeche "Sachsen": Trauriges Glückauf

Das "Glückauf" im westfälischen Heessen erklingt nur leise, denn jeder denkt bei diesem alten Bergmannsgruß an die neun Frauen, die ein Gebirgsschlag zu Witwen machte, an 20 Kinder, die seit der Katastrophe auf der Zeche "Sachsen" Waisen sind.

Lokalzeit: Fremde vor der Haustür

In diesen Tagen packen 120 junge Türkinnen im fernen Anatolien ihre Koffer, um sich zu einem gewagten Unternehmen auf den Weg zu machen.

Berlinkrise: Kennedy und Adenauer

Die internationale Politik in den frühen sechziger Jahren zeigte bereits viele der Züge, die sich zu Beginn der siebziger Jahre durchsetzen sollten – getrennt durch einen Zeitraum von acht Jahren, in dem die Geschichte "einen seltsamen Umweg" nahm, den Richard Löwenthal vor anderthalb Jahren in der ZEIT ausführlich beschrieben hat.

Des Polenkönigs preußischer Diener

Auf den Briefmarken heißt er "Nikolaus Kopernikus", die Polen nennen ihn "Mikolaj Kopernik", die internationale Wissenschaft aber hat sich auf die Schreibweise "Nicolaus Copernicus" geeinigt (der große Astronom selber nahm es damit nicht so genau).

Agnew: "Verdammte Lügen"

Als "verdammte Lügen" hat der amerikanische Vizepräsident Spiro Agnew auf einer Pressekonferenz die Anschuldigungen bezeichnet, die in der vergangenen Woche gegen ihn erhoben wurden.

Steiner-Ausschuß: Zweifel gewachsen

Der Steiner-Untersuchungsausschuß des Bundestages hat sich am Freitag voriger Woche bis auf Anfang September vertagt. In dieser Zeit sollen die Sitzungsprotokolle auf Widersprüche der einzelnen Aussagen überprüft werden.

Israel kaperte Flugzeug

Der Weltsicherheitsrat wird Israel verurteilen. Gegen Sanktionen aber werden die Vereinigten Staaten vermutlich ihr Veto einlegen.

Bonn – Prag: ČSSR lenkt ein

Die Verhandlungen zwischen Bonn und Prag über einen Briefwechsel zu humanitären Fragen sind am Freitag voriger Woche bis zum 20.

Fluchthilfe: Warnung der SED

Die Diskussion um die kommerzielle Fluchthilfe aus der DDR dauert an. Der CDU-Vorsitzende Kohl nannte es am Wochenende "unverantwortlich", daß die Debatte von Seiten der Bundesrepublik durch ein Regierungsmitglied – Staatssekretär Graben vom Bundeskanzleramt – begonnen worden sei.

Streik in Chile dauert an

Der seit drei Wochen andauernde Streik der Fuhrunternehmer, Taxi- und privaten Busfahrer hat Chile erneut in eine schwere wirtschaftliche und innenpolitische Krise gestürzt.

Sihanouk bietet Frieden an

Nach neun Jahren ging am Mittwoch um 11 Uhr Ortszeit (5 Uhr MEZ) der amerikanische Luftkrieg in Indochina zu Ende. Bis zur letzten Minute flogen B 52 und Jagdbomber in Kambodscha Einsätze zur Unterstützung der Verteidiger von Pnom Penh.

Ehepaar Peron kandidiert

Juan Peron (77), Argentiniens Ex-Diktator, und seine dritte Frau Isabel (42), haben am Wochenende die einstimmig beschlossene Kandidatur der Justizialistischen Partei (Peronisten) für die Präsidentschaftswahlen am 23.

SPD/FDP: Streit um Götz

Der Fall Götz schlägt nicht nur in der SPD Wellen, er wird auch innerhalb der FDP immer mehr zu einer Belastungsprobe. So hat der Bundesvorstand der Deutschen Jungdemokraten auf einer Sitzung am Wochenende einstimmig die Ablösung der beiden nordrhein-westfälischen Landesminister Weyer und Riemer aus ihren Parteiämtern gefordert.

Was ist ein Hochschullehrer?

Der Assistenzprofessor, einst das Lieblingskind der Hochschulreformer, ist zum Stiefkind geworden. Halbwüchsig zwischen Assistent und Professor will ihn niemand haben, die Professoren nicht und die wissenschaftlichen Mitarbeiter nicht mehr.

Wer ist das Opfer von wem?

Weil sich keine Mark für den Zigarettenautomaten fand, ging ich in die Kneipe. Weil ich unbedingt noch rauchen mußte so spät in der Nacht und im ganzen Haus keine Zigarette zu finden war und kein Markstück, blieb mir nichts übrig, als in die Kneipe zu gehen und nach Lord Extra zu fragen.

Zeitmosaik

Eberhard Fechner (Fernsehautor und Regisseur, bekannt unter anderem durch die Filme "Nachrede auf Klara Heydebreck" und "Klassenphoto") in dem neuesten Heft der "Akzente", das dem Thema "Fernsehen und Literatur" gewidmet ist.

Filmfestspiele Locarno 1973: Kino der Kantone

Was anderswo getrennt ist, haust in Locarno friedlich zusammen unter einem Dach: der Unterhaltungsfilm und der anspruchsvolle, oft unabhängig produzierte Film politischer und/oder ästhetischer Relevanz.

Hamburger Bitdungspolitik: Schulreform mit Bedacht

Nun gibt es auch in Hamburg neue Richtlinien und Lehrpläne für die Schulen. Die Hansestadt ist nach Hessen das zweite Bundesland, in dem ein komplettes Reformwerk für den Unterricht vorliegt.

Argumente für und gegen: Folklore

Der Neue Brockhaus: "Lieder-, Märchen-, Sagen-, und Sprichwörterschatz eines Volkes; auch daraus, geschöpfte Elemente der Kunstmusik und Dichtung.

Filmtips

Im Fernsehen: "Die Sanfte" (Frankreich 1969) von Robert Bresson (ARD 20. August). Unbekümmert um den Wandel sozialer Situationen hat Bresson die 1876 von Dostojewskij geschriebene, präzise und grausame Geschichte einer gescheiterten Ehe ins heutige Paris verlegt.

Schallplatte

Bartóks Violinduos haben ähnliches Format wie die mittleren Bände des "Mikrokosmos". Herrliche Musik, mit dem minimalen Aufwand eines halben Streichquartetts zu Kunst gemachte Folklore.

Kunstkalender

In den Räumen der Kestner-Gesellschaft geht es in diesen Wochen kühl und luftig zu: Große und kleine Ventilatoren und Propeller bringen die zartgliedrigen Aluminium-Plastiken George Rickeys in Bewegung, sorgen für ein stetiges Hin und Her, Auf und Ab, Vor und Zurück der einzelnen Bauelemente, aus denen diese Gebilde so scheinbar spielerisch und so tatsächlich wohlkalkuliert zusammengesetzt sind.

Sie verschlingen alles und bleiben ungesättigt

Vielleicht ist es eine natürliche Folge des Kalten Krieges, daß westliche Vorstellungen über die sowjetische Literatur etwas abschätzig sind und man sich skeptisch fragt, was von Moskau möglicherweise zu erwarten sei, jetzt, da es der Internationalen Copyright-Konvention beigetreten ist.

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