Von Wolfram Siebeck

Wie man hört, geht die Sex-Welle zu Ende. Seit auch der letzte Staatsanwalt erfahren hat, wie man’s macht – und wie man’s eventuell auch anders machen kann –, hat das öffentliche Interesse an der Zusammensetzung eines Orgasmus erheblich nachgelassen. Am Nacktbadestrand von Kampen muß sich eine Blondine schon auf eine Harley-Davidson setzen, wenn sie die Aufmerksamkeit der müden Playboys auf sich lenken will.

Der Film, der die Sex- und Porno-Welle so populär gemacht hat, ist auch für ihr Ende verantwortlich. Wo auf der Leinwand noch vor kurzem hingebungsvoll und abwechslungsreich kopuliert wurde, wird jetzt ebenso abwechslungsreich und hingebungsvoll gegessen. Die Freß-Welle ist da!

Selbstverständlich haben die Menschen schon immer gegessen. Es gab Zeiten, da Perversionen wie Eintopf in aller Öffentlichkeit vollzogen wurden, und der immer noch nicht entschiedene Streit zwischen Fleischessern und Vegetariern, wer die Münchener Weißwurst für sich beanspruchen dürfe, wirft ein bezeichnendes Licht auf die intimen Eßgewohnheiten der Bevölkerung. Im allgemeinen aber spricht man nicht darüber. Wenn neugierige Kinder fragen "Wo kommen denn die Brötchen her?" verschweigen Eltern die Wahrheit. Viele junge Menschen erleben einen Schock, wenn sie zum erstenmal vor einem Hummer sitzen. Jetzt sieht es aus, als fände die notwendige Aufklärung wieder einmal im Kino statt.

Altmeister Buñuel machte den Anfang mit seinem "Diskreten Charme der Bourgeoisie". Danach fraß sich Mastroianni in "La Grande Bouffe" zu Tode. Weitere Titel sind angemeldet: "Ein, zwei Dinge, die ich vom Kuchenbacken weiß" (Godard ); "Ein Messer und eine Gabel" (Lelouch); "Die letzte Vorspeise" (Bogdanovich); "Warum kauft Herr K. Schalotten?" (Faßbinder); "Wilde Erdbeeren, II. Teil" (Bergmann).

Dieser neue Trend findet seine Erklärung in dem Bekenntnis, das ein Drehbuchautor mit vollem Munde machte: "Was ist schon ein Cunnilingus im Vergleich, zu einem Cprdon.Bleu? Was ist Masturbation im Vergleich zur Mastgans, was Petting zum Pudding?"

Daß hier wieder einmal der Publikumsgeschmack nach kulinarischen Richtlinien manipuliert wird, streiten die Verantwortlichen der Filmbranche gar nicht erst ab. "Aber", verteidigen sie die Freß-Filme, "es ist doch ein Unterschied, wozu wir die Leute verführen: Früher rannten sie aus den Sex-Filmen auf dem kürzesten Weg nach Hause. Heute gehen sie erst einmal in ein Restaurant. Wo da der größere volkswirtschaftliche Nutzen liegt, ist doch klar!"