Von Wilhelm Roth

Was anderswo getrennt ist, haust in Locarno friedlich zusammen unter einem Dach: der Unterhaltungsfilm und der anspruchsvolle, oft unabhängig produzierte Film politischer und/oder ästhetischer Relevanz. Die Konzeption^ wird Locarno und seinem seit dem Vorjahr amtierenden Direktor Moritz de Hadeln schon von den örtlichkeiten aufgezwungen: auf der Piazza Grande, wo unter freiem Himmel die Abendvorstellungen stattfinden, vor tausend Zuschauern oder mehr, darunter vielen Touristen, wäre ein Programm von der Strenge des Internationalen Forums des Jungen Films in Berlin oder der Mannheimer Filmwoche nicht denkbar. Tagsüber aber, in den Kinos der Stadt, laufen Filme, die auch dem Forum oder Mannheim gut anstünden, teilweise dort schon gelaufen sind oder noch laufen werden.

So wäre Locarno also ein Modell für ein tolerantes, allen Richtungen des Films aufgeschlossenes Festival? Auf dem Papier: ja. Tatsächlich aber sind die Unterhaltungsfilme nicht so unterhaltend und die anderen Filme nicht so wichtig, wie sie sein müßten und könnten. Die Qualität der Abendvorstellungen leidet unter dem Reglement, daß nur erste bis dritte Filme eines Regisseurs am Wettbewerb teilnehmen dürfen. Zumindest sollte man, um die Vorstellungen auf der Piazza Grande attraktiver zu machen, häufiger Filme außer Wettbewerb zeigen, wie diesmal etwa Joseph H. Mankiewicz’ mehr als doppelbödigen Krimi "Sleuth".

Des Festivals anderer Teil leidet an den merkwürdigen Vorlieben (oder Abneigungen) des Auswahlausschusses. Wo immer ein junger Mann flieht, vor sich selbst, aber auch vor der bösen Umwelt, aus einer Nervenklinik, durch dunkle Straßen, durch Wälder, auf Berge – man darf sicher sein, daß, wenn ein Film dies vorführt, für ihn immer ein Plätzchen frei ist im Programm. Neurosen aber sind nicht abendfüllend, wenn sie nur larmoyant einen Einzelfall verjammern. Was zu kurz kommt in Locarno, ist der Film, der ästhetische Regeln und politische Normen in Frage stellt, der nicht, nur zu Beifall oder Buh herausfordert, sondern zu Diskussionen.

Locarno also ist besser in seiner Programmkonzeption als in seinem Angebot. Und es ist liebenswert. Das Ambiente, das Städtchen, die Umgebung: auch Kritiker sind froh, wenn sie ein Festival im Jahr fast als Urlaub genießen können. Die schlechten Filme vergißt man schnell, die guten aber bleiben in Erinnerung. Locarno 1973, das war das Jahr von Claude Faraldos "Themroc", Dominique Benichetis "Le cousin Jules", Krzysztof Zanussis "Iluminacja", Werner Schröters "Willow Springs", Hark Böhms "Tschetan der Indianerjunge" und Joseph H. Mankiewicz "Sleuth".

Dazu kommt neuerdings eine Attraktion, die das Festival fast mehr aufwertet als alle eigenen Anstrengungen zusammen. Es kann, im Wettbewerb und in den übrigen Programmreihen, einen Überblick über die Schweizer Jahresproduktion geben. Seit etwa 1970 hat der Schweizer Film, auch dank staatlicher Förderung, einen Aufschwung genommen, den niemand vermutet hätte. Die Spielfilme, meist aus Genf, in diesem Jahr Alain Tanners "Le Retour d’Afrique Claude Gorettas "L’Invitation", Simon Edelsteins "Les Vilaines Manieres", die Dokumentarfilme "Le Train Rouge" von Peter Ammann, "Naive Maler in der Ost-Schweiz" von Richard Dindo (diese beiden Arbeiten werden voraussichtlich in Mannheim laufen) oder "Lo Stagionale" von Alvaro Bizarri, der erste Film eines Gastarbeiters über einen Gastarbeiter, ein großes, naives, durch seinen Schmerz anrührendes Melodram – es sind Beispiele einer Filmproduktion, wie sie in Europa kaum ihresgleichen hat.

"Le Retour d’Afrique" von Alain Tanner, der schon auf dem Forum in Berlin zu sehen war, faßt die Tendenzen und Möglichkeiten des Schweizer Films geradezu exemplarisch zusammen: das Vorbild der "neuen Welle", von dem man sich allmählich freimacht, die Kritik an der Schweiz, ihrer Enge und Provinzialität, und das Bekenntnis zu ihr, der Versuch, an die Stelle der großen Illusion (die Flucht nach Afrika) die konkrete Utopie zu setzen (Mieterinitiativen, Kindergartenarbeiten, ein eigenes Kind: einen kommenden Revolutionär).