Die Preise für Romane und Sachbücher überschreiten die 30-Mark-Schwelle

Fred, ich kann Dein Buch nicht machen!" Das ist das Fazit eines offenen Briefes, den der Hamburger Verleger Andreas J. Meyer (Merlin Verlag) in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "Buchmarkt" an den Schriftsteller Fred Viebahn ("Die schwarzen Tauben") gerichtet hat. Meyer begründet darin an Hand genauer Zahlen, warum er den zweiten Roman des Jung-Autors nicht auf den Markt bringen kann, obwohl er ihn für literarisch gelungen, für das "verbindlichste Dokument" des Lebensgefühls der Nachkriegsgeneration hält. Selbst bei einer optimistischen Auflage von 2000 Exemplaren und einem Preis von 28 Mark bleiben – wegen der hohen Herstellungskosten für traditionell gedruckte und gebundene Bücher – unter dem Strich nur rote Zahlen.

Der Brief, der in der deutschen Verlagsgeschichte einmalig ist, beleuchtet nicht nur schlaglichtartig die Situation kleiner Buchverlage, die im Gegensatz zu großen Häusern wie Rowohlt, Luchterhand oder Hanser junge Autoren nicht aus den Erlösen von gutgehenden Taschenbuch- oder Fachbuchverlagen subventionieren können. Er zeigt vor allem ein Problem auf, das heute in allen Verlagen diskutiert wird: die Schwierigkeit, die rapide gestiegenen Herstellungspreise, aber auch die höheren Personal- und Vertriebskosten durch erhöhte Buchpreise aufzufangen. Denn im Buchgeschäft gibt es – so versichern Verleger und Buchhändler immer wieder – Preisschwellen, die zu überschreiten von vornherein den Untergang eines Buches bedeuten würde. Der angebliche Rubikon liegt derzeit bei 30 Mark.

Insbesondere die Verleger von schöngeistiger und Sachbuch-Literatur, die untereinander weitgehend austauschbar ist, schauen wie gebannt auf diese Preisgrenze. In der Hoffnung auf eine zweite und dritte Auflage nehmen sie eher eine nicht-kostendeckende Kalkulation der ersten Auflage in Kauf als daß sie sich für einen Preis von 32 oder 34 Mark entscheiden. Der Standardpreis für dickere Romane und Sachbücher liegt daher in diesem Herbst bei 28 oder 29,80 Mark. Selbst Willy Droemer, der sich für den neuen Roman von Johannes Mario Simmel ("Die Antwort kennt nur der Wind") Super-Bestseller-Chancen ausrechnet (Erstauflage 200 000 Exemplare), hat aus Angst vor verringertem Absatz nicht gewagt, sich als preispolitischer Vorreiter zu betätigen. Nur zwei Verlage testen den 30-Mark-Preis für Schöngeistiges: Hoffmann und Campe mit dem neuen Werk von Siegfried Lenz "Das Vorbild" und der Schneekluth-Verlag mit Michael Burks "Das Tribunal", einem Roman über die Nürnberger Prozesse.

Mehr Rücksicht auf die Produktionskosten als auf die viel beschworene Preismentalität des Käufers wird dagegen bei jenen Büchern genommen, die sich an Zielgruppen mit bestimmten Interessen wenden. Das gilt vor allem für historische und zeitgeschichtliche Sachbücher (Friedrich der Große, Napoleon, Hitler, die NSDAP, die UdSSR) und biographische Literatur (Rubinstein, Solschenizyn, George F. Kennan). Preise zwischen 32 und 38 Mark sind hier keine Seltenheit mehr. Daß bei derlei Büchern die Nachfrage weniger vom Preis als von Thema und Autor abhängt, wurde bereits vor zwei Jahren bewiesen. Damals avancierte Golo Manns Wallenstein-Biographie zum Bestseller – trotz des ungewohnt hohen Preises von 38 Mark.

Spätestens im nächsten Jahr werden sich jedoch auch die Käufer von austauschbarer Sach- und Unterhaltungsliteratur an Preise jenseits der 30-Mark-Schwelle gewöhnen müssen. Denn die Verluste durch zu niedrig kalkulierte Bücher lassen sich selbst durch Bestseller-Erlöse immer schwieriger kompensieren, zumal der verbreitende Buchhandel in viel stärkerem Maße als früher dazu neigt, das Angebot an weniger gängigen Titeln zugunsten der Besteller zu begrenzen.

Hinzu kommt, daß die in den Verlagen übliche Mischkalkulation wegen der sinkenden Einnahmen aus sogenannten Nebenrechten erschwert wird. Buchgemeinschaften beispielsweise, die früher Spitzenpreise für die Lizenz eines Bestsellers boten, halten sich jetzt zurück. Sie zahlen heute nicht nur wesentlich niedrigere Summen, sie kaufen auch – weil sie ihr Angebot drastisch reduziert haben – viel weniger Titel. Und die Zeiten, in denen hohe Abschlüsse mit Taschenbuchverlagen die Bilanz vergoldeten, sind ebenfalls vorbei.