Wachwechsel in Peking

/ Von Helmut Martin

Mehr und mehr rücken in China die Führungskräfte aus dem zweiten Glied nach vorn. Jene fünfzig- und sechzigjährigen Funktionäre, die während des Längen Marsches, im entlegenen Yenan oder im Krieg gegen Japan in die Chinesische Kommunistische Partei eintraten, wollen nach einem Ausscheiden des Parteiführers Mao durch "kollektive Führung" das Machtvakuum ausfüllen. Wichtige Vorentscheidungen sind von dem bevorstehenden, aber noch nicht offiziell bestätigten Parteitag und von einem vierten Volkskongreß zu erwarten, auf denen die Machtverschiebungen nach der Kulturrevolution und in den zwei Jahren seit dem Sturz Marschall Lin Piaos offiziell abgesegnet werden sollen. Zu dieser aufwärtsstrebenden Gruppe muß auch Maos Frau Chiang Ching gerechnet werden, die etwa zwischen 1910 und 1915 geboren wurde.

Chiang Ching geriet während der Kulturrevolution ins grelle Scheinwerferlicht, nachdem sie über zwei Jahrzehnte lang an der Seite des Vorsitzenden ein Schattendasein geführt hatte. Erst in den letzten Jahren ließen sich einige Bruchstücke ihrer Biographie zusammenfügen. Ihr politisches Profil bleibt unklar, ihr Charakter entpuppt sich als sehr widersprüchlich.

Ein Hang zum sensationellen Auftritt und hartnäckiger Ehrgeiz wurden immer wieder bis zur Frustration gebremst von einer ablehnendkritischen Umwelt. Erst eine verunglückte Karriere als Filmschauspielerin; dann trotz der Ehe mit Mao Tse-tung ein meist vergeblicher Kampf, die Zurückhaltung der KP-Prominenz gegenüber dem ehemaligen Filmsternchen zu durchbrechen, das keine eigenen Verdienste für die Revolution vorweisen kann; dann die Desavouierung ihrer Bemühungen um eine Theaterreform nach 1949 – so mag sich das explosive Temperament erklären, das 1966 in der Kulturrevolution freigesetzt wurde, als sie, mit Billigung Maos, Angriffe auf ihre Gegner nutzte, um alte persönliche Rechnungen zu begleichen. Aber auch dann spielte sie nur die Rolle des nützlich-verläßlichen Statisten in der engeren Umgebung Maos.

Sogar im Namen Chiang Ching ("Flußgrün") scheint die Abhängigkeit von Mao Tse-tung festgehalten. Mao entlehnte diese zwei Zeichen für sie aus einem Gedicht der Tang-Zeit. Zunächst hatte sie, in einer Kleinstadt der Provinz Shantung aufgewachsen, den bürgerlichen Namen Li Jün-ho getragen. Mit 13 Jahren verwaist, arbeitete Li in einer Bibliothek, besuchte eine Theaterschule und tauchte dann, nach mehreren Affären, in den frühen dreißiger Jahren im weltläufigen Schanghai auf. Unter dem Künstlernamen Lan Ping ("Blauer Apfel") gelang es der attraktiven Schauspielerin, kleinere Rollen in Filmen eines linksorientierten Studios zu bekommen. 1939 zog sie schließlich einen deutlichen Schlußstrich und schlug sich zu der kommunistischen Yenan-Basis im Nordwesten Chinas durch.

Die meisten Biographen übernehmen die folgende Version ihrer Bekanntschaft mit dem damals 45jährigen Parteiführer Mao Tse-tung: Mao hielt einen Vortrag vor der Lu-Hsün-Kunstakadernie, wo sie als Lehrerin und Autorin von Propagandastücken für die Truppe untergekommen war. Lan Ping, in der ersten Reihe, erweckte Maos Aufmerksamkeit durch eifriges Mitstenographieren, lauten Applaus und einen Schwall von Fragen. Maos Affäre mit der Schauspielerin wirbelte beträchtlichen Staub auf, weil sich seine dritte Frau Ho gerade, vom Langen Marsch geschwächt, zur Genesung nach Moskau begeben hatte. Obwohl Chiang Ching von Maos Parteifreunden geschnitten wurde, soll sie die Heirat gegen allen Widerstand dadurch erzwungen haben, daß sie, mittlerweile schwanger, sich überraschend einer Versammlung hoher Parteikader als seine Braut präsentierte.