Unüberlegte Eingriffe in den freien Welthandel gefährden die internationale A rbeitsteilung

Schlechte Beispiele verderben gute Sitten – sofern der europäischen Agrarpolitik ein solches Prädikat überhaupt je zustand. Nachdem US-Präsident Richard Nixon mit der Beschränkung des Exports von 42 Agrarprodukten auf dem Weg des Protektionismus voranging, scheuten sich auch die Brüsseler Eurokraten nicht mehr, zu ähnlich zweifelhaften Praktiken zu greifen. Sie verweigerten neue Exportlizenzen für Weizen (siehe Interview Seite 36), um einem "Ausverkauf" vorzubeugen.

Gewiß, es gibt immer Gründe, Ausreden und Entschuldigungen. Auf den ersten Blick erscheinen sie oft, sogar einleuchtend. Washington wie Brüssel wollen die Versorgung der eigenen Bevölkerung sichern und sie vor allzu starken Preissteigerungen schützen. Doch mit den Methoden, die sie dabei anwenden, tragen sie zur Verwilderung der Sitten im internationalen Handel bei. In Zukunft können sich auch andere Länder auf diese Beispiele berufen, wenn sie zum kurzfristigen eigenen Vorteil die weltweite Arbeitsteilung stören. Sie können sogar darauf verweisen, daß in solchen Fällen auch Verträge nichts gelten – Nixon hat es ihnen vorgemacht. Vor einem Eingriff in bereits abgeschlossene Lieferverträge schreckte die Brüsseler Kommission immerhin noch zurück.

Diejenigen, die jetzt in Brüssel und Washington so leichtfertig mit den Instrumenten des Protektionismus hantieren, haben sich in jüngster Zeit nicht gerade durch besondere Weitsichtigkeit ausgezeichnet. Noch vor wenigen Monaten wurde jede Tonne Weizen bejubelt – und subventioniert –, die an Moskau oder Peking verkauft werden konnte. Heute wird in Europa und USA ein Weizenmangel befürchtet. Noch vor wenigen Monaten versuchte Nixon mit Druck und Drohungen, die Europäer zu höheren Agrarbezügen aus den USA zu bewegen – und die Kommission wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen. Heute wollen die USA nicht mehr liefern, und Europa jammert über die mangelnde amerikanische Vertragstreue.

Ein so plötzlicher Sinneswandel und daraus resultierende Eingriffe in bestehende Handelsbeziehungen können langfristig schwerwiegende Folgen haben. Schon melden sich diejenigen zu Wort, die schon immer für Autarkie waren: Eine Abhängigkeit von den USA oder anderen Staaten in der Nahrungs- und Futtermittelversorgung sei unerträglich; Europa müsse für sich selber sorgen. Das würde beispielsweise bedeuten, daß in der EG Sojabohnen angebaut werden, obwohl die natürlichen Voraussetzungen dafür ungünstig sind, während die US-Farmer darauf sitzenbleiben. Natürlich werden sich die USA dafür in irgendeiner Form revanchieren... usw.

Auch in den dreißiger Jahren, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, haben alle Staaten versucht, ihre Probleme möglichst auf dem Rücken der anderen zu lösen. Auch die heutigen Protektionisten könnten eines Tages die Geister, die sie riefen, nicht wieder loswerden. Die Liste der Eingriffe in den freien Güteraustausch ist in den letzten Jahren immer länger geworden – viel zu lang. Michael Jungblut