Von Stefan Woltereck

Noch nie war das Automobil so starken Anfeindungen ausgesetzt wie heute: Verkehrsunfälle, Lärm, Luftverschmutzung, verunstaltete Städte sind die Argumente. Sie alle laufen darauf hinaus, dem Auto seinen Lebensraum zu beschneiden, das öffentliche Verkehrsmittel zumindest im Nahbereich zu fördern. Forderte 1960 noch der damalige Verkehrsexperte der SPD, Helmut Schmidt, für jeden Deutschen den eigenen Wagen, so verkündet heute der Bundeskanzler, der öffentliche Personennahverkehr habe Vorrang vor dem Individualverkehr. Verkehrsminister Lauritz Lauritzen spricht von "Schluß machen" im Straßenbau, und Städtebauminister Vogel prophezeit gar düster, daß sich die Automobilindustrie schon bald Gedanken über ihre eigene Zukunft machen müsse.

Der Umschwung in der öffentlichen Meinung kam plötzlich. So plötzlich, daß die Bevölkerung noch gar nicht erfaßt hat, was da auf jeden einzelnen zukommt. Denn die Kritik am Automobil wird so gut wie widerstandslos hingenommen – obwohl es in jeder Familie (statistisch) mindestens einen Wagen gibt. Auf je dreieinhalb Bundesbürger kommt ein Auto, Säuglinge und Greise mitgerechnet. Nimmt man die Lastwagen, die Omnibusse, die Motorräder und die Mopeds mit hinzu, so verfügt jeder Dritte über ein Fahrzeug mit Motorkraft. Doch erzeugt ein ständig weiteres Anziehen der Steuerschraube, erzeugen Einschränkungen nichts weiter als ein müdes Murren – auch beim ADAC, der immerhin mehr als drei Millionen autofahrende Mitglieder vereint. Selbst die Tatsache, daß bei uns jeder Siebte direkt oder indirekt vom Auto und seinen vielfältigen Folge-Industrien lebt, bewirkt nur mehr Achselzucken.

Mutet dieses Nichtreagieren von mehr als sechzehn Millionen Autofahrern seltsam genug an, so wirkt es fast grotesk, daß die Vorstandsetagen zumindest einiger Automobilwerke immer noch so handeln, als ginge alles dieses nur eine kleine Minderheit an. Gewiß, alle Autowerke beugen sich mehr oder weniger freudig den Forderungen nach mehr Sicherheit, nach weniger schädlichen Auspuffgasen. Die Verkaufsstrategen aber haben noch immer einen Begriff im Sinn, der beim Massenprodukt Automobil längst in die Mottenkiste gehört: den Sport.

Sportlich vor allem muß ein neues Auto sein, soll es bei uns Erfolg haben. Dann erst kommen Eigenschaften wie praktisch, geräumig, sparsam oder dauerhaft. Fast alle Modellreihen verfügen dann auch über eine spezielle Sportversion, entweder über ein Coupé oder über die Normal-Karosserie, die sich aber durch ein "S", ein "TS", "RS", "GT" auszeichnet oder wie die schnellen Buchstaben sonst heißen mögen. Die Illusion von Kraft und Schnelligkeit beherrscht Anzeigen und Prospekte – auch wenn unmittelbar vor dem Tor des Autohändlers der Verkehrsstau beginnt,

Dabei läßt sich durchaus darüber streiten, ob der Sport für die Automobil-Entwicklung heute noch große Bedeutung hat. Neben Herstellern, die diese Frage aus vollem Herzen bejahen (etwa Porsche) gibt es andere, die sie genau so bestimmt verneinen (etwa Mercedes oder, wenigstens bis vor kurzem, VW).

Und rein technisch läßt sich gegen einen leistungsfähigeren Motor, gegen ein Armaturenbrett voller Uhren, gegen fünf Gänge oder Schalensitze selbstverständlich nichts sagen. Rein technisch – aber diese Technik wird von Menschen bedient. Und diese reagieren auf das "Sport" in der Typenbezeichnung ihres Automobils zuweilen recht heftig – doch leider nicht unbedingt im altenglischen Sinne von sportsmanship.