Nun gibt es auch in Hamburg neue Richtlinien und Lehrpläne für die Schulen. Die Hansestadt ist nach Hessen das zweite Bundesland, in dem ein komplettes Reformwerk für den Unterricht vorliegt. Und diesmal dürfte es die bekannten Vorwürfe nicht geben: daß Schüler mit marxistischer Ideologie für den Klassenkampf gerüstet und Schulen in sozialistische Kaderschmieden umfunktioniert werden sollen. So wurde und wird gegen die hessischen Rahmenrichtlinien (HR) polemisiert, deren Erscheinen einer bildungspolitischen Explosion gleichkam.

Die Hamburger Pläne könnten eher wie ein verhaltenes Echo auf den bundesweiten Knall wirken, den die Hessen erzeugten. Zwar wird in beiden sozial-liberal regierten Bundesstaaten dieselbe Richtung gesteuert, doch in Wiesbaden glaubte man, sich mit einer Vision des Zukünftigen an die Spitze setzen zu müssen, während die Hamburger nun mit hanseatischer Bedächtigkeit und mit dem Blick für das Pragmatische in beträchtlichem Abstand folgen.

In der Grundtendenz und in zentralen Komplexen stimmen die HR und die Hamburger Lehrpläne bis in den Wortlaut überein:

  • In Hamburg will man "gebunden an die Wertentscheidungen, die das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung der Freien und Hansestadt Hamburg enthalten ... die Schüler befähigen, ihre Grundrechte wahrzunehmen"; in Hessen wird eine Schule angestrebt, "die sich den vom Grundgesetz geforderten Entwicklungszielen verpflichtet weiß";
  • in Hamburg "sollen die Schüler, so weit wie möglich an der Planung von Unterrichtsabschnitten und an der Wahl der Unterrichtsziele... ... beteiligt werden"; in Hessen geht es um "die Qualifizierung der Schüler zur Beteiligung bei der Durchführung und Planung des Unterrichts";
  • für den Deutschunterricht formulierten die Hessen als das eigentliche Lernziel: Er "hat die Aufgabe, die sprachliche Kommunikationsfähigkeit der Schüler zu fördern"; in Hamburg heißt es jetzt: "Sprech- und Gesprächserziehung soll die Kommunikationsfähigkeit der Schüler fördern."

So sehr solche Gemeinsamkeiten auffallen, so signifikant sind freilich auch die Unterschiede. Vor allem wurde in Hamburg die zum Teil soziologisch verhunzte sprachliche Dürftigkeit der HR vermieden. Die Hamburger Richtlinien sind lesbar, verständlich und vollständig. So enthalten die Deutschpläne jene in Hessen so schmerzlich vermißten Listen über einen "nationalen Kanon wertvoller Dichtung" mit Goethes und Schillers Werken, mit Rilke und Raabe, Gryphius und Grimmelshausen, Brecht und Britting.

Und während in Hessen Geschichte und Geographie gemäß den Grundsätzen "Verzicht auf die Länderkunde als Selbstzweck" und "Das Interesse an der Geschichte wird von den gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart her bestimmt" zu dem neuen Fach Gesellschaftslehre integriert werden, behalten die Hamburger Erdkunde und Historie in eingeschränkter und modifizierter Form bei und bieten ausführliche unterrichtspraktische Hinweise von der griechischen Polis bis zur Gegenwart, über Küstenräume, Hochgebirge und Polarlandschaften.

Wie denn überhaupt in Hamburg zu gut siebzig Prozent verbindliche Unterrichtsinhalte angegeben sind, wogegen die Hessen ganz bewußt Probleme ohne Lösungen offen zur Diskussion gestellt und nur Schwerpunkte und Perspektiven festgelegt haben. Die Hamburger bleiben damit viel stärker im rein pädagogischen Bereich und haben, so der Schulsenator Günter Apel, "einen Schritt auf dem Wege der inneren, auf Ziele, Inhalte und Methoden gerichteten Reform der Schule" getan; die Hessen dagegen haben nach der Maxime ihres Kultusministers Ludwig von Friedeburg, die Schule sei "zu einer der Kräfte zu machen, die die Demokratisierung der Gesellschaft weitertreiben", den gesellschaftspolitischen Ansatz der Unterrichtsreform viel stärker betont.

Schon in den Titeln der Pläne drückt sich dieser Unterschied deutlich aus. In Hessen heißen sie Rahmenrichtlinien für die Sekundarstufe I und gelten für die Klassen fünf bis zehn aller Schulen – mithin für die angestrebte künftige Gesamtschule; Richtlinien und Lehrpläne für Grund-, Volks-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien heißen sie in Hamburg – und sind mithin nach dem traditionell gegliederten Schulsystem benannt. Hayo Matthiesen