Von Werner Ross

Die Schweden, von keinem Kolonialismus befleckt, können es sich leisten, für das übrige Europa ein schlechtes Gewissen zu haben. Das formuliert sich so: "In einer Zeit, da Dörfer niederbrennen und Menschen um ihr Leben kämpfen, schlendern die Intellektuellen von einem Baudenkmal zum nächsten und ergehen sich in Gesprächen über die Ornamentik des neunten Jahrhunderts, die Bautechniken des zehnten und jenen Niedergang, der sich vor acht Jahrhunderten ereignet hat." Die schlendernden Intellektuellen sind der Journalist Jan Myrdal, Sohn des berühmteren Vaters Gunnar Myrdal, und seine Frau, die Photographin Gun Kessle. Sie schlendern durch die gewaltigen Tempelruinen von Angkor, Gun knipst, Jan meditiert, und das Buch, das aus beidem zusammengebraut ist, heißt im schwedischen Original "Ansichten aus Stein", in der deutschen Übersetzung, die aus dem Amerikanischen stammt –

Jan Myrdal: "Kunst und Imperialismus am Beispiel Angkor", ein Essay mit 120 Photos von Gun Kessle, aus dem Amerikanischen von Maria Dessauer; Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, München; 180 S., 19,80 DM.

Der deutsche Titel verspricht Zusammenhänge offenzulegen, politisch-soziologische Hintergründe zu enthüllen. Wer aber Bündiges erwartet, wird enttäuscht. Wir befinden uns wissenschaftlich gesehen noch bei den Präliminarien, dem Schlagabtausch mittels Thesen. "In einem Zeitalter sich verschärfenden Klassenkampfs drückt selbst Kunst, die das Establishment preist, seinen drohenden Untergang aus." Myrdals Buch, dem Prinzen Sihanouk gewidmet, will auch und vor allem eine politische Kampfschrift, ein Aufklärungsessay sein. Das ist das Alibi für das Schlendern. Im ersten Kapitel zählt Myrdal weitere Alibis auf: Er hat mit Gun Kessle demonstriert, Artikel geschrieben, Reden gehalten, ist von der Polizei, der schwedischen, verhaftet und verprügelt worden. Seine Berichte über ein chinesisches Dorf haben der guten Sache gedient.

Weniger Alibis und mehr Argumente wären besser gewesen. Die westliche Variante im Thesenstreit heißt: Kunst überdauert das Vergängliche. Die östliche: An den Bauten der Herrschenden klebt der Schweiß der Unterdrückten. Die Aufklärer noch des achtzehnten Jahrhunderts haben die westliche Position bezogen: Luxus kurbelt die Wirtschaft an, Kunst hilft dem Handwerk – Sombart hat diesem Zusammenhang eine seiner besten Untersuchungen gewidmet.

Myrdal läßt die Reihe der Herrscher feierlich aufmarschieren – was für pompöse Namen: Harshavarman III., Dharanindravarman I., Suryavarman II., Jayavarman VII.; er schildert ihre Kriege und Schlachten, ihre Bewässerungsplanungen und Tempelbauten, und es geht halt so wirr und widerlich zu wie in Ägypten oder China oder Schweden, als es noch nicht friedlich geworden war, aber über die sozialen Verhältnisse weiß auch er leider nichts Näheres zu vermelden. Daß Jayavarman weniger geschwitzt hat als die Bauern (oder waren es Sklaven?), die die Steine schleppten und schichteten, das liegt auf der Hand. Aber wie ging es den Bauarbeitern? Hatten sie genug zu essen? Kamen ihnen die gewaltigen Bewässerungsprojekte zugute? Sahen sie in den Tempeln Bollwerke der Mächtigen oder Verherrlichung ihres eigenen Glaubens? Wie sah es denn mit den Palästen für den König und die Oberschicht aus? Wie wirkten die weisen Brahmanen ein, die immer wieder in der Dynastengeschichte als Ratgeber auftauchen? Der Realismus der Darstellungen, so liest man, ist erdgebunden: Hundekämpfe, Köche bei der Arbeit, bäuerliche Szenen. Gewiß, Schweiß läßt sich nicht meißeln, aber auf den ägyptischen Reliefs schwingen die Aufseher die Peitschen. "Der im Verlauf des neunten Jahrhunderts erzielte beträchtliche wirtschaftliche Fortschritt hatte die Bevölkerungszahlen und die Ernteerträge erhöht, die herrschende Klasse reicher und mächtiger und das Volk ärmer denn je werden lassen." Punktum. Der Dogmatismus solcher Sätze erinnert an das obligate Fürstenlob dynastenfrommer Geschichtsschreiberei. Die Stereotypen wechseln, nicht das Stereotype. Die Götterbilder sind nicht abgeschafft, sondern ausgewechselt.

Immerhin, die Dogmatik solcher Amen-Formein wird ihrerseits nicht nur durch die Fülle der Bilder widerlegt, durch Gun Kessles Vergnügen an Architektur, Relief, Ornament, durch ihre eigene tropisch wuchernde Photographiererei, die sich nicht um Namen, Titel, Stile, geschichtliche und kunsthistorische Einordnung kümmert, sondern Motive erbeutet, Löwen, Buddhas, Kriegerscharen, Baumwurzelgeflecht, das sich seinerseits reliefartig über die Steinwände zieht. Auch Jan Myrdal selbst ist keineswegs ein so starrer Marxist, wie er uns in dem historischen Leitfaden glauben machen will. Er schaut zwar auf der Rückseite des Bandes mit Nietzsche-Schnurrbart und Nietzsche-Brille höchst philosophisch drein, aber blickt man genauer hin, entdeckt man hinter der Nietzsche-Brille Lachfältchen um die Augen. Und so dilettantisch die historischen Exkurse sind (wer kennt sich schließlich schon in kambodschanischer Geschichte aus?), so amüsant sind die Betrachtungen und Ausfälle, die der unschuldige Schwede Myrdal dem europäischen Rassismus und Kolonialismus widmet.