Von Hedrick Smith

Vielleicht ist es eine natürliche Folge des Kalten Krieges, daß westliche Vorstellungen über die sowjetische Literatur etwas abschätzig sind und man sich skeptisch fragt, was von Moskau möglicherweise zu erwarten sei, jetzt, da es der Internationalen Copyright-Konvention beigetreten ist. Denn die Sowjetunion ist ja heutzutage im Ausland vor allem durch die Literatur bekannt, die sie den eigenen Lesern vorenthält.

Die Vorstellung, der Rest sei monochromes Ödland sozialistischen Realismus, trifft aber nicht zu und ist unfair. Sowjetische liberale Intellektuelle und Verlage fühlen sich durch solche Reputation oder Unkenntnis der sowjetischen Literatur gekränkt.

Freilich gibt es Gründe, warum die literarische Geographie der Sowjetunion ein fremdes Terrain bleibt. Das sowjetische Verlagswesen ist noch immer kein kommerzielles, am Verbraucher orientiertes Unternehmen. Es wird "von oben" mit ganz bestimmten politischen und propagandistischen Absichten gesteuert. Bestseller, Marketing und Werbung sind faktisch unbekannt. Bücher sind billig. Der Markt ist ungeheuer groß. Über Nacht ist ausverkauft, was nur irgendwie von Interesse ist. Wachsender Lebensstandard und allgemeine Bildung haben einen enormen Lesehunger geweckt, aber es gibt nicht genug Papier.

Vor einigen Jahren zum Beispiel, als sowjetische Verleger die dritte Edition der dreißigbändigen "Großen Sowjetischen Enzyklopädie" planten, die durch Subskription verkauft werden sollte, rechneten sie mit einem Absatz von 200 000 Stück. "Innerhalb von zwei Wochen hatten sich 640 000 Personen eingeschrieben, so daß wir die Subskriptionsliste schließen mußten", erinnert sich Jurij Melentjew, der Vize-Präsident des staatlichen Verlags-Komitees. Zwei Millionen Leser haben sich für die angekündigte Veröffentlichung einer zweibändigen Sammlung der Gedichte Sergej Jessenins eingetragen; eine achtbändige Ausgabe von A. Conan Doyles Sherlock-Holmes-Krimis lockte mehr als 600 000 Subskribenten an. Niemand findet es ungewöhnlich, daß in wenigen Tagen 100 000 Exemplare verkauft wurden, seien es nun die letzten Kriegsgeschichten von Konstantin Simonow, Andrej Wosnessenskijs Gedichte oder die sowjetische James-Bond-Parodie "Gene Green Untouchable: Die Karriere des C.I.A. Agenten 014".

"Es ist heutzutage ein Problem, selbst ein Buch wie ‚Krieg und Frieden‘ zu kaufen", kommentierte ein Schriftsteller, "denn sie drucken nie genug." Daraus ergibt sich eine Statistik, die das New Yorker Bücherviertel vor Neid erblassen läßt. Laut Melentjew werden lediglich zwei Prozent der veröffentlichten Bücher nicht verkauft. Das bedeutet natürlich, daß dem Kunden, wie schon bei anderen Konsumgütern, auch der Büchereinkauf erschwert wird. Ungefähr 35 000 Menschen, so wird berichtet, strömen täglich in das moderne zweistöckige Büchergeschäft am Kalinin-Prospekt, dem Prunkstück Moskaus. Ist etwas Ungewöhnliches erschienen, bilden sich augenblicklich Käuferschlangen. Tausende von Lesern hinterlassen in Buchläden Postkarten mit Bücherwünschen und warten geduldig auf Antwort, oft länger als ein Jahr und nicht selten sogar vergeblich.

Dementsprechend ist das Bücherkaufen ein vom Zufall bestimmtes Unterfangen und ständiges Herumstöbern daher unvermeidlich. Eine Liste, die nur Titel und Autoren verzeichnet, erscheint zwar wöchentlich, und ebenso bringt jedes Verlagshaus einmal im Jahr eine Art "Vorschau" für Büchereien und Buchgeschäfte. Aber gewöhnliche Leser bekommen diese Ankündigungen nur selten zu Gesicht, sie sind meist auf mündliche Informationen angewiesen. Die Knappheit ist Ursache eines schwunghaften Second-hand-Handels und eines Schwarzmarktes mit Wucherpreisen. Zum Beispiel kostet eine im Westen gedruckte dreibändige Ausgabe von Ossip Mandelstams Gedichten zweihundert Rubel (etwa 660 Mark).