Nach neun Jahren ging am Mittwoch um 11 Uhr Ortszeit (5 Uhr MEZ) der amerikanische Luftkrieg in Indochina zu Ende. Bis zur letzten Minute flogen B 52 und Jagdbomber in Kambodscha Einsätze zur Unterstützung der Verteidiger von Pnom Penh. In der Tagen zuvor hatte der Druck der sogenannten Befreiungsstreitkräfte vorübergehend nachgelassen, und die Regierungstruppen konnten einige Verbindungswege freikämpfen.

Der halbgelähmte Präsident Lon Nol dementierte in einer Rundfunkrede Gerüchte, daß er unter dem Vorwand eines Krankheitsurlaubs nach Amerika fliehen wolle. "Ich werde mit meinem Volke bis zum Endsieg kämpfen." Viele Ausländer, auch 200 südvietnamesische Zivilisten, haben die umzingelte Hauptstadt verlassen, aus Sorge, die Truppen Lon Nols würden nach dem amerikanischen Bombenstopp völlig demoralisiert den Kampf aufgeben.

Der Präsident jedoch verbreitete Optimismus: "Wir haben unsere eigene Luftwaffe, Artillerie und Panzer, und die Moral unserer Truppen ist hoch." Seine Regierung hat sich vorbehalten, die Nachbarn Südvietnam und Thailand notfalls um militärische Hilfe zu ersuchen.

Noch ehe die letzten Bomben gefallen waren, hatten beide Seiten im kambodschanischen Bürgerkrieg Friedensfühler ausgestreckt. Prinz Sihanouk, der in Peking eine Exilregierung aufgestellt hat, ließ in einem Telegramm an den amerikanischen Senator Mansfield durchblicken, daß er an einem "ehrenhaften Frieden" interessiert sei. "Wir kämpfen als kambodschanische Patrioten und nicht für den Sieg des Kommunismus." Einzige Bedingung sei die Einstellung aller militärischen Hilfe für das Regime in Pnom Penh. Dann würde seine Regierung allen "führenden Kollaborateuren" die Abreise gestatten und diplomatische Beziehungen zu Washington aufnehmen.

In Pnom Penh wurde behauptet, die Regierung Lon Nol habe auf örtlicher Basis bereits Kontakte zu den Roten Khmer hergestellt; bislang hätten jedoch Nordvietnamesen und die Vietcong Verhandlungen verhindert.

Die Amerikaner wollen auch nach dem Bombenstopp ihre Aufklärungsflüge fortsetzen und weiterhin Kriegsmaterial einfliegen.

Aus Südvietnam wurden aus verschiedenen Landesteilen schwere Gefechte zwischen Regierungstruppen und Vietcong gemeldet. Persien hat inzwischen mit Zustimmung aller Parteien den von Kanada verlassenen Platz in der Internationalen Kontroll- und Überwachungskommission eingenommen.