Von Rudolf Herlt

Wenn ich deutscher Unternehmer wäre", sagte Mr. Smith, der Leiter der Londoner Filiale der Westdeutschen Landesbank, "würde ich mir genau überlegen, welche Branche für mich in Frage kommt, dann würde ich Aktien einer entsprechenden amerikanischen Gesellschaft kaufen und schließlich das Unternehmen übernehmen. Es ist höchste Zeit für deutsche Unternehmer, in den USA zu investieren." Der junge amerikanische Bankier gab seine Empfehlung zu einer Zeit, da der Dollarkurs unter 2,30 DM gefallen war und der Dow-Jones-Index um 900 stand, So billig, meinte er, konnten deutsche Unternehmen nie zuvor und wahrscheinlich auch in Zukunft nicht mehr Produktionsanlagen in den Vereinigten Staaten erwerben.

Ganz so stürmisch wie Mr. Smith waren die deutschen Unternehmer nicht. Aber die Statistiken zeigen, daß die aufgewertete Mark neben die anderen Motive getreten ist, die zusammen den Entschluß auslösen, im Ausland zu produzieren, Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres haben deutsche Unternehmen 2,2 Milliarden Mark im Ausland investiert. Das waren in einem Vierteljahr schon 80 Prozent der Gesamtsumme des ganzen Jahres 1972. An der Spitze der Länder, die sich die Deutschen als Standorte ausgesucht haben, stehen allerdings nicht die USA, sondem die Niederlande. Es folgen Spanien, die Kanarischen Inseln, die Schweiz (die als Sitz von Finanzholdings begehrt ist), Frankreich und Israel. Erst danach rangieren Kanada, Belgien/Luxemburg, und als Schlußlicht folgt die USA.

Im zweiten Quartal hat sich das allerdings geändert. Die Anfragen, die seit April beim Deutschen Industrie- und Handelstag eingingen, spiegeln ein starkes Interesse für die Vereinigten Staaten wider. Nicht alle Anfragen freilich führen am Ende zur Realisierung der Absicht.

Das Zögern, beim Investieren außerhalb der deutschen Landesgrenzen ist für deutsche Unternehmer nicht untypisch. Sie haben, wenn man den Erfahrungen der Handelskammern folgt, im Vergleich Zu ihren Kollegen in anderen Ländern die größten Hemmungen, in erster Linie wegen des zweimaligen Verlusts deutscher Auslandsvermögen nach den beiden Kriegen.

Das erklärt das tastende Vorgehen der deutschen Unternehmer aber noch nicht vollkommen. Sie neigen, wie die meisten Deutschen, zur Perfektion. Die Aufgabe im Ausland wollen sie erst anpacken, wenn der Erfolg personell gesichert ist. Wenn das Vertrauen zu den leitenden Mannern der Auslandstöchter fehlt, lassen sie lieber ganz die Finger davon. Läßt sich das Personalproblem aber lösen, gibt es oft Enttäuschungen, Typisch dafür ist der Inhaber eines mittleren deutschen Unternehmens, der seinen besten Mann nach Brasilien schickte, um dort eine Niederlassung aufzubauen. Sein "besterMann" wurde draußen unter den ungewohnten Bedingungen buchstäblich verschlissen. Dieser Unternehmer denkt nicht daran, das gleiche noch einmal zu wagen,

Die Aufwertungen der Mark und die beiden Abwertungen des Dollar haben jetzt in vielen Unternehmen neue Überlegungen ausgelöst. Nicht nur die Investitionskosten in den USA sind allein durch Wechselkursänderungen in den letzten vier Jahren für Deutsche um mehr als 40 Prozent gesunken; auch die Betriebskosten sind in den Vereinigten Staaten heute nicht mehr höher als in der Bundesrepublik. Rechnet man die amtlich ermittelten durchschnittlichen Stundenverdienste der Amerikaner zum gegenwärtigen Dollarkurs um, dann ergeben sich Lohnkosten in den USA, die es deutschen Unternehmern sinnvoll erscheinen lassen, an Stelle von Erzeugnissen Arbeitsplätze zu exportieren.