Der seit drei Wochen andauernde Streik der Fuhrunternehmer, Taxi- und privaten Busfahrer hat Chile erneut in eine schwere wirtschaftliche und innenpolitische Krise gestürzt. In den Städten sind Lebensmittel, Treibstoff und Heizungsmaterial knapp geworden. Die rund 40 000 Unternehmer hatten ein auf Sonntagabend befristetes Ultimatum der Regierung, die Arbeit wieder aufzunehmen, ignoriert. Sie verlangen höhere Frachttarife, besseren und schnelleren Import von Auto-Ersatzteilen und vor allem eine Garantie gegen die – mehrfach diskutierte – Verstaatlichung ihres Gewerbezweiges.

Präsident Allende, Chef einer Volksfront-Minderheitsregierung, hat am Montag das Militär eingesetzt, um die Versorgung des Landes aufrechtzuerhalten. In jeder der 25 Provinzen soll ein Offizier – notfalls mit Beschlagnahmen und Dienstverpflichtungen – das Transportwesen wieder in Gang bringen. Im äußersten Fall, so hat die Regierung angedroht, werde sie zum Mittel des Kriegsrechtes greifen. Seit über einer Woche müssen Heer und Polizei schon bewaffneten Geleitschutz für Versorgungstransporte auf den Hauptstraßen stellen.

Der Streik wird von einer sprunghaft ansteigenden Terrorwelle begleitet, die Allende am Montag zu dem dringenen Appell veranlaßte, das Land nicht in den Bürgerkrieg zu treiben. Freilich mußte der Präsident seine Fernseh- und Rundfunkansprache für 20 Minuten unterbrechen: Ein Sprengstoff anschlag auf eine wichtige Hochspannungsleitung unterbrach die Stromversorgung des größten Teils Chiles. Für viele Terrorakte zeichnet die rechtsradikale Organisation „Vaterland und Freiheit“ verantwortlich, die vor acht Tagen der Regierung offiziell „den Krieg erklärte“.

Eine Verständigung zwischen der Opposition und der Regierungskoalition scheint kaum mehr möglich, obwohl Allende in der vorigen Woche den Forderungen der Christlichen Demokraten nachgab und in sein sechstes Kabinett die Chefs der drei Waffengattungen und den Leiter der Nationalpolizei aufnahm. In der zweiten Forderung – Rückgabe verstaatlichter Firmen und Änderung der Wirtschaftspolitik – zeichnet sich noch kein Kompromiß ab. Die Volksfrontparteien bestehen darauf, von dem errungenen Terrain keinen Fußbreit preiszugeben. Trotz Allendes Mahnung, dem chilenischen Sozialismus werde eine letzte Chance geboten, sind die Fronten unverändert starr.

Allerdings hat der Präsident mit den Bedingungen, unter denen die Offiziere wieder in die Regierung eintraten, einen wichtigen persönlichen Erfolg errungen, Waren sie vorher nur bereit, die Ruhe und Sicherheit des chilenischen Volkes zu garantieren, so dehnten sie jetzt diese Zusage auch auf die „Grundlagen“ der Existenz Chiles aus. Darunter können die Versorgung der Bevölkerung ebenso verstanden werden wie die Sicherung lebenswichtiger Industriekomplexe oder der Landwirtschaft. Gegen dieses Einschwenken auf die Linie Allendes hatte sich in der Sozialistischen Partei des Präsidenten heftiger Widerstand geregt.