Von Dieter Buhl

Nach 37 Sitzungstagen und der Anhörung von 33 Zeugen hat der Senatsausschuß in Sachen Watergate Mitte vergangener Woche eine Pause eingelegt. Aber die Senatoren sind nicht unbeschwert in die Ferien gegangen. Denn trotz aller Mühen ist es ihnen nicht gelungen, den Dschungel an Unklarheiten und Widersprüchen zu lichten, der den Spionage- und Sabotageskandal umgibt. Verdacht und Vermutung grassieren weiter. Watergate bleibt eine Belastung für das Selbstverständnis der Amerikaner: ein Symbol für den Verfall politischer Sitten und ein Menetekel an den geheiligten Säulen amerikanischer Macht, dem Präsidentenamt.

In den über 7000 Seiten des Ausschußprotokolls läßt sich bisher kein Ausweg aus der großen Vertrauenskrise um das Weiße Haus finden. Deswegen richteten sich die Hoffnungen vieler Amerikaner diese Woche erneut auf Richard Nixon. Wie vor anderen schicksalhaften Entscheidungen hatte sich der Präsident während der letzten Tage in die Einsamkeit von Camp David zurückgezogen. Aber den Beobachtern in Washington schien zweifelhaft, ob er dem amerikanischen Volk von den Bergen Marylands das klärende Wort, die überzeugende Antwort auf viele gravierende Beschuldigungen bringen würde.

Bisher hatte Richard Nixon nur wenig Bereitschaft gezeigt, dabei mitzuhelfen, den Sumpf um Watergate trockenzulegen. Wollte er sich bei seiner Fernsehansprache als Saubermann der Nation präsentieren, dann mußte er zu den folgenden Schlüsselfragen des Skandals Stellung nehmen:

  • Trifft die Behauptung seines ehemaligen Rechtsberaters John Dean zu, daß er den Präsidenten bereits am 15. September 1972, also knapp drei Monate nach dem Einbruch in das demokratische Hauptquartier, über die Beteiligung von Mitgliedern der Administration an Planung und anschließender Vertuschung des Verbrechens informiert hat? Stimmt Deans Aussage, der Präsident habe ihm am 13. März 1973 versichert, es sei kein Problem, eine Million Dollar an Schweigegeldern für die Einbrecher von Watergate aufzubringen? Hat der damalige FBI-Chef in spe, Patrick Gray, den Präsidenten bereits im Juli des vergangenen Jahres darauf hingewiesen, daß einige seiner führenden Mitarbeiter die Aufklärung des Falles behinderten?
  • Hat Richard Nixon von dem Einbruch in die Praxis des Psychiaters von Daniel Ellsberg, der die Pentagon-Papiere veröffentlichte, gewußt? Hat er, wie vor dem Senatsausschuß bestätigt wurde, dem Richter im Ellsberg-Prozeß durch seinen innenpolitischen Berater Ehrlichman einen hohen Regierungsposten angeboten, um ihn zu beeinflussen?
  • Wie ist es zu erklären, daß der FBI-Anwärter Gray, der ehemalige Justizminister Kleindienst und dessen Stellvertreter Petersen jetzt angeben, sie seien vom Präsidenten niemals zu einer umfassenden Untersuchung des Wagergate-Skandals aufgefordert worden, obwohl Nixon eine solche Aufklärungskampagne in seiner ersten Watergate-Rede vom 30. April dieses Jahres angekündigt hatte?
  • Wie will Richard Nixon die Abhöranlagen im Weißen Haus und auf seinem Landsitz Camp David rechtfertigen? Warum will er die Tonbänder über die entscheidenden Unterredungen mit John Dean nicht freigeben, obwohl er sie Bob Haldeman, seinem ehemaligen Stabschef, zum Anhören überließ?
  • Wie schließlich, und das ist die entscheidende Frage, kann Richard Nixon das amerikanische Volk erneut von seinen Führungsqualitäten überzeugen, nachdem er in seine engste Umgebung Männer berufen hatte, die die Macht skrupellos ausnutzten und denen so schwere Verbrechen wie Meineid, Verschwörung zur Behinderung der Justiz und Erpressung vorgeworfen werden?

Der Katalog der Zwielichtigkeiten ist noch länger. Die undurchsichtige Finanzierung von Nixons kalifornischem Domizil San Clemente gehört ebenso dazu wie die Mauschelei der Regierung mit dem Großkonzern ITT, das umstrittene Geschäftsgebaren seiner reichen und einflußreichen Freunde "Bebe" Rebozo und Abplanalp, nicht zuletzt auch die Ermittlung – wegen Bestechungsverdacht – gegen Vizepräsident Agnew.

Um auch nur einige der vielen Verdachtsmomente zu entkräften, mußte Richard Nixon Mut zur Wahrhaftigkeit aufbringen. Bislang hatte er diese Tugend nicht bewiesen, sondern sich lieber hinter den Privilegien des Präsidenten verschanzt. Vor den Fernsehkameras versprachen sie ihm diesmal keinen Schutz. Da zählte nur die moralische Überzeugungskraft, die – wie Nixon selber einmal sagte – das Fundament der Präsidentenmacht ist.