Von Rosemary Callmann

Heessen

Das „Glückauf“ im westfälischen Heessen erklingt nur leise, denn jeder denkt bei diesem alten Bergmannsgruß an die neun Frauen, die ein Gebirgsschlag zu Witwen machte, an 20 Kinder, die seit der Katastrophe auf der Zeche „Sachsen“ Waisen sind. In 1040 m Tiefe ereignete sich, was bundesweit Schlagzeilen machte: „Neun Tote bei Grubenunglück“, „Nach elf Jahren forderte der Berg wieder neue Opfer“.

Als der Steiger Franz Fischer zusammen mit 18 Bergleuten – eine Spezialmannschaft der Bochumer Streckenausbaufirma „Wisoka“, die das Unglücksflöz „Wilhelm“ bis zu den kohleträchtigen Schichten vorantreiben sollte – einfuhr, ahnte niemand, daß es für einige die letzte Seilfahrt war, daß 35 Minuten vor Ende der Frühschicht neun von ihnen Opfer ihres Berufes werden würden.

Etwa 300 Männer arbeiteten in der Tiefe, als sich das Grubenunglück ereignete. Zu denen, die noch einmal davongekommen sind, zählt der Gesteinshauer Kurt Urban (46) aus Unna, der den vor den Zechentoren wartenden Reportern die Unglückssekunden schilderte: „Es gab einen Knall, eine Detonation und dann flogen wir mit drei, vier Mann durch die Luft. Alles war schwarz von Kohlenstaub.“ Was zu sehen war, als sich nach einer halben Stunde der Staub gelegt hatte, berichtet Urban-Kollege Karl Siegrist den Wartenden: „Vor dem Gebirgsschlag war die vorangetriebene Flözstrecke fünf Meter breit und drei Meter hoch, danach auf einen Quadratmeter zusammengeschrumpft.“ Er habe versucht, einen Mann unter dem Gestein hervorzuziehen, „aber das ausströmende Methangas trieb uns immer wieder zurück“. Obwohl der Werkschutz versucht, die Männer am Reden zu hindern, sickern Einzelheiten durch, wie die Bergleute – fünf Deutsche, drei Marokkaner und ein Jugoslawe – den Tod fanden. Zettel machen vor dem Zechentor die Runde, Namen werden notiert, Vermutungen werden zur Gewißheit, Erinnerungen werden wach.

In den letzten elfeinhalb Jahren traf es nur diesen oder jenen. Ihr Schicksal war eine Notiz in den Lokalzeitungen. Doch die Trauerfahnen wehten schon oft über „Sachsen“. Ein Obelisk erinnert noch heute an eines der schwersten Unglücke. Am 3. April 1944 fanden 169 Bergleute, darunter 114 russische Kriegsgefangene, den Tod. Im März 1962 forderte ein Schlagwetter 31 Tote. Im Dezember des gleichen Jahres wurden für sieben Bergleute die Fahnen auf halbmast gesetzt. Zwei Jahre später, Karfreitag 1964, trug Heessen wieder Trauer. Zehn Bergleute, darunter fünf Türken, kamen ums Leben, als ein abgerissenes Förderseil in 1000 Meter Tiefe auf einen Förderkorb aufschlug.

Trotz dieser langen Unglückschronik bildet die Zeche „Sachsen“, die 1912 abgeteuft wurde und seit 1914 fördert, in den statistischen Jahrbüchern der Bergbau AG Westfalen in den letzten Jahren das Schlußlicht. Pro 100 000 verfahrene Schichten lag „Sachsen“ im Bundesdurchschnitt, innerhalb der Ruhrkohle AG und auch innerhalb der sechs zur Bergbaugesellschaft Westfalen gehörenden Schachtanlagen zwischen 1969 und Jahresbeginn 1973 am unteren Ende der Unglücksskala.