ZDF, Montag, 13. August? "Andrej Rubljow" von Andrej Tarkowskij

Am Anfang steht eine blitzartig alles menschliche Träumen und Streben durchleuchtende Metapher. Aus Häuten und Lumpen hat sich ein Bauer einen plumpen Fesselballon gebaut; wider Erwarten steigt der Ballon sogar auf und trägt seinen Erfinder. Losgelöst von der Erde, fliegt der Bauer über Felder, Flüsse und Städte, bis er schließlich doch abstürzt, auf dem Boden der Wirklichkeit zerschellt. Nicht die Tragik und das Pathos des Ikaros-Mythos, auf den die (ursprünglich statt des unvollkommenen Ballons vorgesehenen) Flügel viel stärker verwiesen; hätten, klingen in diesem Prolog zu Andrej Tarkowskijs Film "Andrej Rubljow" an; der hilflose und groteske Versuch, die Utopie unvermittelt Wirklichkeit werden zu lassen, erscheint fast lächerlich in seiner Aussichtslosigkeit.

Man kann den trotz einiger Schnitte noch immer dreistündigen Film über den zwischen 1360 und 1430 lebenden Ikonenmaler Andrej Rubljow als Antithese zu der fatalistischen These dieses Prologs begreifen. Mit epischer Wucht reflektiert Tarkowskijs Film den schwierigen und widersprüchlichen Weg eines Künstlers auf dem Boden der Wirklichkeit, der ihn am Ende doch seiner Utopie von der unbeschränkten Selbstverwirklichung ein Stück näher bringt. Mit einem Künstlerdrama im üblichen Sinn hat "Andrej Rubljow" so wenig zu tun wie mit manchen nur äußerlich aufwendigen Monumentalfilmen aus den Moskauer Studios. Monumental ist in seinem Film vor allem die Zuspitzung der Fragestellungen. Er zeichnet nicht die Biographie Rubljows, über dessen Leben man kaum etwas weiß, sondern stellt diesen in die Ereignisse seiner Zeit und zeigt seine Reaktionen, sein Erschrecken, seine Zweifel und schließlich seine sich dennoch durchsetzende Hoffnung.

Rubljow erscheint als der Vertreter einer neuen Ratio, deren Mittelpunkt der Mensch ist, als Widerhall der Renaissance in einem mit sich selbst zerfallenden Rußland, in dem hungernde Bauernhorden aus einem Fürstentum ins andere ziehen und überall nur Verwüstung und Elend antreffen, in dem grausame Unterdrückung, Verfolgung und Ungerechtigkeit herrschen und in dem die von machtgierigen Fürsten ins Land geholten Tataren die Städte brandschatzen. Mehrfach beschwört Rubljow angesichts dieser Welt die moderne Idee der nationalen Einheit, die Iwan der Schreckliche hundert Jahre später zum Prinzip seiner Politik machte.

Seine Position bringt Rubljow zwangsläufig auch als Künstler in Konflikt mit dieser Welt, in der für den Maler ein festgeschriebener Kanon die schöpferische Freiheit und den engagierten Ausdruck verhindert. In der Kernszene des ersten Teils weigert sich Rubljow mit den Worten "Ich will das Volk nicht verängstigen", ein Gemälde des Jüngsten Gerichts fertigzustellen Rubljow will mit seiner Kunst nicht länger die Macht der Herrschenden festigen helfen.

Der Zweite Teil des Films, der nur aus zwei groß angelegten Episoden besteht, bringt die äußerste dialektische Zuspitzung von Rubljows Frage nach dem Sinn seiner Kunst. Der ausschweifenden Grausamkeit des Tatarenüberfalls auf Wladimir, die selbst Rubljow dazu bringt, einen Menschen zu töten, steht die Apotheose der schöpferischen Kräfte als Kräften der Befreiung gegenüber; ein unwissender Junge organisiert und befehligt erfolgreich den Guß einer riesigen Glocke. Rubljow beginnt nach fünfzehn Jahren des Schweigens wieder zu malen. Am Ende der düsteren Bilder stehen in leuchtenden Farben seine Werke, die den Sieg der vorwärtsdrängenden Idee über die rückwärtsgewandte Ideologie verkünden.

Die ganze Vielschichtigkeit dieses Films, der jenseits aller vordergründigen Aktualisierung auf aktuelle Bedeutung zielt, läßt sich nur nach und nach erfassen. Doch schon auf den ersten Blick erkennt man die Kraft, die hier einen phantastischen Bilderreichtum mit formaler Strenge und geistiger Klarheit verbindet. "Andrej Rubljow" ist gleichzeitig ein ganz persönlicher Rückgriff auf die Tradition des sowjetischen Films, in der konsequenten Anwendung der Montage an den späten Eisenstein erinnernd, und ein aufregender Neubeginn, zweifellos ein materialistischer Film in neuen Dimensionen.