Vor zwei Monaten hielt der Präsident des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Hans Josef Horchem, bei einer Nato-Regionaltagung in Oslo einen Vortrag über Europa und den Marxismus. Jetzt druckte die Welt verspätet einen Auszug des Manuskripts – ohne Genehmigung der zuständigen Nato-Stelle und kurz nachdem der oberste Verfassungsschützer eines benachbarten CDU-Landes sich mit dem Chef des Springer-Inlanddienstes getroffen hatte. Zufall?

Horchern hatte seinen Vortrag auf Englisch gehalten. Er war eher philosophisch angelegt; sein Kern war Wochen zuvor in der ZEIT veröffentlicht worden. Die Springer-Übersetzung war obendrein falsch. Horchem hatte nicht gesagt, junge Marxisten hätten die SPD "kommunistisch unterwandert" (Herbert Kremp) – er sagte, sie seien in die SPD eingedrungen. Und der Auszug war verfälschend. Horchem schlug nicht pessimistisch Alarm, sondern erklärte ausdrücklich, "daß im Augenblick Westdeutschland durch politischen Extremismus nicht ernsthaft gefährdet ist"; eine andere Situation könne nicht über Nacht geschaffen werden. Infamie?

Die Hamburger SPD-Führer, sonst in der Auseinandersetzung mit ihren jungen Marxisten nicht eben zimperlich, haben es vor ihrem Landesparteitag im Oktober für gut gehalten, an Horchern herumzunörgeln – als teilten sie nicht im Grunde die vorsichtig formulierten Meinungen und Sorgen. ihres Genossen. Torheit? Feigheit?

Beim Landesparteitag wird sich zeigen, wie ernst es ihnen wirklich mit der Devise ist, daß Beamte ihre Meinung ehrlich sagen sollen, auch wenn sie unbequem ist. Th. S.