Als eine von dreißig Frauen im Bundestag

Von Anke Riedel-Martiny

Als einzige SPD-Frau aus Bayern, als eine von drei Frauen unter 40 Jahren, als eine von 30 Frauen bei 518 Abgeordneten, kam ich nach Bonn. An der Teilnahme der ersten Fraktionssitzung wollte ein Türhüter mich hindern: Assistentinnen wären nicht zugelassen. Ein anderer Zerberus des Abgeordnetenhochhauses kam tuschelnd und fragte: "Sind Sie die Frau, wo der Mann jetzt kocht?" Denn dies hatten die Gazetten geschrieben, mein Mann müsse seinen Beruf nun aufgeben und sich der Erziehung unserer drei Kinder widmen. Eine entsprechende Meldung ging offenbar auch ins Ausland, denn ein 68jähriger pensionierter türkischer Lehrer diente sich meinem Mann in gebrochenem Deutsch zur Haushaltsführung an: "Das Dienen Ihnen ist mein ganzer Sinn." Wir hatten aber bereits eine deutsche Haushälterin – und die Aussicht darauf, daß mein Mann seine bis dahin festen Dienstzeiten etwas flexibler würde gestalten können.

Ich kam mit konkreten Vorstellungen nach Bonn. Im Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten wollte ich Verbraucherfragen auf dem Gebiete der Ernährung verfolgen, und im Ausschuß für Wirtschaftliche Zusammenarbeit wollte ich mich mit den Problemen des Agrarhandels zwischen der Europäischen Gemeinschaft und den Entwicklungsländern befassen. Die Anpassung der Agrarmärkte der Industrieländer an die Bedürfnisse der Entwicklungsländer unter dem Schlagwort "only one world" und unter der bedrängenden Aussicht von wachsender Arbeitslosigkeit in der Welt beschäftigten mich sehr. Daneben interessierten mich vor allem Fragen der regionalen Strukturpolitik.

Was ich nicht wußte, war der Umfang an Arbeit, der mich schließlich hinderte, diese Schwerpunktgebiete gezielt anzupacken. Die Tage in Bonn sind von Dienstagvormittag bis Freitagmittag praktisch ausgebucht mit Fraktions-, Ausschuß- und Plenar-Sitzungen. An den drei Abenden sind entweder Empfänge oder andere Pflichtgeselligkeiten, oder man trägt die Stapel zu erledigender Post ab und ordnet den körbeweise anrollenden Informationsstoff in Stapel, die gelesen werden müssen, und solche, die gleich in den Papierkorb wandern.

Schätzchen der Truppe

Ich schreibe in der Woche rund 30 bis 40 Briefe. Vieles an Material wird aus dem Wahlkreis angefordert: Gesetzentwürfe, Parteitagsbeschlüsse, Informationsbroschüren. Auskünfte werden eingeholt zum Mietrecht, zu Rentenfragen, zu Planungen im Wahlkreis; auch Autogramm- und Photowünsche werden laut. Fragebögen von Examensstudenten kommen an, zur Mitwirkung der Frauen an politischer Willensbildung etwa; Verbände rühren sich. Vieles muß bei Fachleuten der Fraktion oder in den Ministerien recherchiert werden, Telephonate reihen sich an Telephonate, Tage vergehen mit Kleinkram. Wenn unser Pool nicht so reibungslos funktionieren würde – Dieter Lattmann, Lenelotte von Bothmer und ich teilen uns. einen Assistenten und zwei Halbtagssekretärinnen – und wenn nicht auch im Wahlkreis noch eine Sekretärin halbtags tätig wäre, so wäre schon die Routine-Arbeit nicht zu bewältigen.