Präsident Nixon hat in diesen Tagen in persönlichen Briefen an europäische Regierungschefs seine für den Spätherbst vorgesehene Europareise in Frage gestellt: Er werde nicht kommen, wenn nicht vorher jene gemeinsame amerikanisch-europäische Grundsatzerklärung vereinbart und formuliert werden könne, die Henry Kissinger unter dem Stichwort "Neue Atlantik-Charta" im April zum erstenmal in die Debatte geworfen hatte.

Die Bundesregierung und wohl auch die britische Regierung sind bemüht, die von Nixon erhoffte Grundsatzerklärung zustande kommen zu lassen, und arbeiten dafür Entwürfe aus. In Bonn wird hierzu der Standpunkt vertreten, die Deklaration solle einmal die währungs- und handelspolitischen Beziehungen zwischen Amerika und der Europäischen Gemeinschaft auf eine neue und stabilere Grundlage stellen; in diesen Teil der declaration of principles könne Japan einbezogen werden. Zum zweiten solle sie in ihrem sicherheitspolitischen Aspekt – der Japan ausschließt – die Grundsätze der gemeinsamen Verteidigung auch im Licht der internationalen Entspannung bekräftigen.

Doch gegen eine weitgespannte Grundsatzerklärung der atlantischen Partner vor der Lösung spezifischer Probleme stemmen sich vorerst mit aller Macht die Franzosen – aber nicht nur sie. Rangeleien um die Reihenfolge wären freilich verfehlt. Wenn Nixon seinen Besuch absagte, erschiene das vielen Amerikanern als Folge eines europäischen Affronts gegen ihr Staatsoberhaupt. Er würde jene Stimmen noch lauter werden lassen, die für eine rücksichtslos egoistische amerikanische Handels- und Währungspolitik plädieren und fordern, Westeuropa solle seine konventionelle Verteidigung weitgehend allein tragen. J. Sch.