Von Jürgen Werner

Walter Scheel versprach wiederzukommen. Der Außenminister gab damit spontan seiner Begeisterung Ausdruck über das Finale der Fußballsaison 1972/73 – Borussia Mönchengladbach war im Juni Pokalsieger durch einen 2:1-Sieg gegen den 1. FC Köln geworden. Von da an ging’s bergab. Die Hiobsbotschaften rissen nicht ab. Der Transfer Günter Netzers für insgesamt etwa drei Millionen von Mönchengladbach nach Madrid wurde vom deutschen Fußballfan noch akzeptiert – die eine Million Mark auf die Hand für einen fast 29jährigen war ein schlagendes Argument.

Der zum Fußballer des Jahres 1973 gewählte Star auf Stottern – nur für sechs von insgesamt elf Vorbereitungsspielen der deutschen Nationalmannschaft im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft vom 13. Juni bis 7. Juli 1974 gibt Real Madrid ihn frei – bleibt dennoch der beste deutsche Halbstürmer. Nur er und Beckenbauer gemeinsam garantieren die Variationsmöglichkeit zwischen Tempospiel à la Mönchengladbach, das das Mittelfeld schnell überbrückt, und Münchner Filigranarbeit, die den Ball lange in den eigenen Reihen lassen soll und erst am Strafraum des Gegners im Doppelpaß endet – fast brasilianisch nach Art des Müller.

Er ist der dritte im bundesrepublikanischen Fußballgeschäft, den die Fußballnation mit dem Erfolg identifiziert. Vor drei Jahren machte Müller Mexiko erst möglich – allein durch seine Tore qualifizierte sich die deutsche Nationalmannschaft für die damalige Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft 1970. Torschützenkönig dieses Turniers wurde mit zehn Toren ebenfalls Müller. 1,5 Millionen Mark netto sollte er von FC Barcelona allein für seine Unterschrift unter einen Dreijahresvertrag erhalten. Bayerns Finanzminister Huber redete ihm gut zu, sein Manager Nehl trat bei Verhandlungen unter dem Tisch gegen sein Bein, und Müller lehnte ab. Bayerische Rhetorik und Raffinesse also erhielten Müller der Fußballgemeinde.

1962 hatte in Hamburg der Theologe Professor Thielicke Uwe Seeler, als dieser ebenfalls ein Millionenangebot abgelehnt hatte, fast hehre Züge bescheinigt. Diesmal kollidierten bei Müller aber Image und Interessen. Denn sein bis 1975 mit Bayern München laufender Vertrag garantiert ihm auch über eine halbe Million Verdienst durch das Handgeld, das heißt für seine Unter-Schrift.

Idole ohne Idealismus – so scheint es jedenfalls – prägen also das Spiel der Mannschaft, von der fast ein Viertel der von den Wickert Instituten befragten Bundesbürger glaubt, sie werde 1974 im eigenen Lande Weltmeister. Herbergers Nachfolger Helmut Schön kalkuliert ganz nüchtern, in einer Mannschaft mit Netzer, Beckenbauer und Müller bedürfe es keiner Taktik. Euphorie eines Skeptikers?

Sowohl Netzer als auch Beckenbauer und Müller verteidigen im Gespräch ihren Anspruch, Fußballer aus Leidenschaft zu sein. "Ich würde auch ohne Bezahlung Fußball spielen" – so Beckenbauer – "Ohne Fußball wäre mein Leben undenkbar" – so Netzer – "Fußball ist auch mein Hobby" – so Müller; dieses Rollenverständnis wird weitgehend geprägt durch den Anspruch der Fans, ihre Helden zu sublimieren. Denn traditionelle Bindungen an die Mannschaft oder den Verein existieren gar nicht mehr.