Niedersachsen, Berlin und der Vorentwurf eines Bundeshochschulrahmen-Gesetzes negieren diesen Qualifikationsunterschied, um einen Glaubenssatz der "Demokratisierungsbewegung" aufrechterhalten zu können: Keine Mitgliedergruppe darf in den Hochschulorganen allein die Mehrheit haben. Diesem Glaubenssatz steht das Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegenüber, das eben eine solche Mehrheit für die Hochschullehrer fordert. Also trennt man Professoren und Assistenzprofessoren in zwei Gruppen, von denen keine die Mehrheit hat, vereint sie dann jedoch zu einer Obergruppe "Hochschullehrer", die die verfassungsgerichtlich zugesprochene Mehrheit erhält. Eine solche Denkoperation zur Stützung eines Glaubenssatzes hätte den Scholastikern des Mittelalters zur Ehre gereicht.

Als gemeinsame, besondere Qualifikation von Professor und Assistenzprofessor haben die Autoren des Vorentwurfs eines Hochschulrahmen-Gesetzes eine "hervorragende" Promotion gefunden. Aber sie können nicht leugnen, daß der Professor darüber hinausgehende Qualifikationen, nämlich weitere wissenschaftliche Leistungen- und ein erfolgreich durchlaufenes Berufungsverfahren aufweisen muß. Also basteln sie – mit neuen Verfassungsklagen bedroht – an einer weiteren Annäherung von Professor und Assistenzprofessor. Warum nicht auch ein Berufungsverfahren für den Assistenzprofessor einführen? Dann allerdings müßte er wohl mehr vorzuweisen haben als eine Promotion. Man könnte ja das amerikanische Vorbild wechseln und aus dem Assistant-Professor den Associate-Professor machen. Endlich hätte man wieder zwei Professosoren-Kategorien! Dann bliebe nur noch die Frage, wie man die Qualifikation zum Associate-Professor erwirbt. Ich würde sagen, als Assistent guter alter deutscher Prägung, als Professorenlehrling. Dann sind wir wieder in autoritären Zeiten, meinen Sie? Keineswegs! Wir haben die Hochschulen demokratisiert, denn Associate-Professor und Full-Professor bilden zwei Gruppen, und keine Gruppe hat allein die Mehrheit.

Man kann politische Glaubenssätze bis zur Lächerlichkeit strapazieren. Man kann sie aber auch auf ihre rationale Substanz untersuchen, wenn man Politik nicht mit Religion verwechselt. Die Abneigung gegen Mehrheiten geht auf die antiautoritäre, emanzipatorische Protestbewegung zurück, deren erklärtes Ziel es war, Fremdbestimmung des Menschen soweit wie möglich durch Selbstbestimmung zu ersetzen. Stehen sich zwei Interessengruppen gegenüber, soll keine über die andere bestimmen können. Ein ständiger Dialog zwischen den Gruppen soll schließlich zu einer gemeinsamen Auffassung und damit zur gemeinsamen Entscheidung führen. Der Dialog aber wird dadurch erzwungen, daß man keiner Gruppe allein die Mehrheit in den Entscheidungsorganen gewährt.

Nun weiß jeder Praktiker in Politik und Verwaltung, daß sich kein Gemeinwesen durch tägliche Diskussion regieren läßt. Fehlt eine stabile Mehrheit, führt dies entweder zur Lähmung des Entscheidungsorgans und damit zur Anarchie, oder es bildet sich eine stabile Mehrheit quer durch die Gruppen, die auf neuen, für den Außenstehenden schwer durchschaubaren Interessengemeinsamkeiten beruht. Die Gemeinsamkeit mag in der politischen Uberzeugung liegen oder ganz einfach in der ideologisch verbrämten, vielleicht aber auch in der unverblümten Absprache, die eigenen materiellen Interessen auf Gegenseitigkeit zu unterstützen.

Auf Hochschulorgane übertragen, entsteht damit eine Klüngelei, die weit schlimmer und weit weniger transparent sein kann, als dies in Zeiten der offenkundigen "Ordinarienherrschaft" der Fall war. Wer der neugebildeten Mehrheitsgruppe nicht angehört, wird "fremdbestimmt" wie eh und je. Für sein Selbstbestimmungsrecht ist nichts gewonnen.

Zur Sicherung individueller Freiheit ist das Modell des liberalen Rechtsstaates, ergänzt durch soziale Schutz- und Ausgleichsmechanismen, noch immer am besten geeignet. Seine Instrumente sind Gewaltenteilung, Freiheitsrechte des einzelnen, in die auch Mehrheitsentscheidungen nicht eingreifen können, und besondere Schutzrechte für Minderheiten und sozial Schwache.

Auf die Hochschule übertragen, bedeutet dies eine ausgewogene Verteilung von Entscheidungskompetenzen auf Hochschul- und Staatsorgane bei ausreichender Kontrolle durch Parlament und Gerichte, Sicherung der Freiheit von Forschung und Lehre auch gegen Mehrheitsentscheidungen nach den Grundsätzen, die das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung zur Mitbestimmungsfrage entwickelt hat, aber auch besondere Schutzrechte für diejenigen, denen das Privileg der Wissenschaftsfreiheit nicht oder nicht in gleichen Maße zu Einfluß verhilft: die Studenten, die wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter.

Liberale Hochschulpolitik sollte sich an diesen Leitmotiven ausrichten und nicht an der Illusion einer machtfreien Diskussions-Demokratie. Der Schleier dieser Utopie verbirgt nur eine Umverteilung der Macht, die von der Gesinnungstüchtigkeit der Mittelmäßigen und nicht von wissenschaftlicher Leistung bestimmt wird.