Von Rudolf Henschel

Kontrollierter Kapitalismus, so lautet der Kommentar zu gewerkschaftlichen Vorschlägen, den anhaltenden Preisanstieg durch eine gezielte Kontrolle im Bereich der Preisbildung zu brechen. Diese Vorschläge gehen davon aus, daß die bisher verfolgte amtliche Stabilitätspolitik wirtschaftliche Ordnungsbedingungen voraussetzt, die in der Wirtschaftswirklichkeit nicht oder nicht mehr ausreichend gegeben sind. In diesem Fall müssen die gegenwärtigen Stabilitätsbemühungen auch bei noch so konsequenter Anwendung erfolglos bleiben.

In dem amtlich unterstellten Ordnungssystem führt der Preiswettbewerb zwischen konkurrierenden Einzelunternehmen dazu, daß bei sinkender Nachfrage die Preise sinken und damit Produktion und Investition gedrosselt werden. Umgekehrt dürfen bei steigender Nachfrage die Preise steigen, um Investition und Produktion so weit anzuregen, daß Angebot und Nachfrage sich wieder ausgleichen und Preisstabilität wieder eintritt. Auf diese Weise regelt der Preismechanismus auch die gesamtwirtschaftliche Abstimmung der einzelbetrieblichen Investitionspläne; die Nachfrage reguliert das Wirtschaftsgeschehen.

Diese Nachfrageregulierung hat jedoch den entscheidenden Fehler, daß sie nicht funktioniert, wenn der marktwirtschaftliche Preiswettbewerb gestört ist und der unterstellte Nachfrage/Preiszusammenhang nicht modellgerecht funktioniert. Wenn der Markt nicht über den Preis der Investitionspläne der Einzelunternehmen abstimmt, so werden die Einzelunternehmen ihre zwangsläufig nicht im voraus abgestimmten Investitionsziele über den Preis durchzusetzen versuchen. Dieser Zustand tritt bereits ein, wenn die Einzelunternehmen ihre Preise nur geringfügig über den theoretischen Marktpreis festsetzen können. Mit diesen Preiserhöhungen erhöht sich zugleich mit dem Unternehmenseinkommen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. In diesem Fall sind Preissteigerungen nicht ein Produkt der Nachfrageerhöhung, sondern die Nachfrageerhöhung ist das Produkt einer nicht mehr marktkonformen Preisgestaltung.

Die technologisch bedingte Spezialisierung und die damit verbundene Monopolisierung überspielt ebenso wie der anhaltende Konzentrationsprozeß mit seiner zunehmenden internationalen Verflechtung die nationale Kredit- und Nachfragepolitik. Preisabstimmungen zwischen großen, aber auch zwischen kleinsten Unternehmungen auf der Basis verbandsinterner Preisinformationen und Musterkalkulationen sind zur Regel geworden.

Auch der moderne Wettbewerb zwischen wenigen marktstarken Unternehmen hat nicht mehr die Funktion der Preisdämpfung. Dieser, oft sehr harte oligopole Wettbewerb wird in der Regel nicht durch Preisunterbietung, sondern auf der Grundlage hoher Preise ausgefochten. Nur hohe Preise ermöglichen die Finanzierung moderner Marktstrategien, die über die Beherrschung der Zulieferer und des Verteilungsnetzes, über Marketing und Werbung den Gegner vom Markt verdrängen.

Wettbewerb, der unter diesen Bedingungen noch besteht, stimmt das Investitionsverhalten der Unternehmungen nicht mehr miteinander ab, sondern provoziert seinerseits Überinvestitionen und für den Konsumenten wertlose Nebenleistungen, die den Preisanstieg beschleunigen. Die Aussagen namhafter Manager und Verbandsfunktionäre, daß bestimmte Produkte im Preis steigen müssen, weil die Nachfrage gesunken sei oder die Konkurrenz den Absatz eingeschränkt hätte, bestätigt diese Entgleisung des Wettbewerbs.