Weil sich keine Mark für den Zigarettenautomaten fand, ging ich in die Kneipe. Weil ich unbedingt noch rauchen mußte so spät in der Nacht und im ganzen Haus keine Zigarette zu finden war und kein Markstück, blieb mir nichts übrig, als in die Kneipe zu gehen und nach Lord Extra zu fragen.

Man könnte die Kette der Voraussetzungen beliebig zurückverfolgen. Weil wir wieder mal eine Auseinandersetzung darüber hatten, ob eine Frau in meiner Lage berufstätig sein soll oder nicht, und uns wie immer nicht einigen konnten, rauchte ich noch eine Zigarette und noch eine, bis keine mehr da war, und Karl-Georg sagte, das sei auch so ein wunder Punkt, meine Qualmerei, und da mußte ich erst recht weiterrauchen und fand keine Zigarette und kein Geld für den Automaten und war wieder mal das Opfer meiner Wünsche und lief in die Kneipe, die noch geöffnet hatte. Einmal Lord Extra bitte.

Der Mann hinter der Theke langte mit der einen Hand hinter sich, mit der anderen gab er mir das Wechselgeld heraus, mit den Augen hing er an dem Mädchen, das eingepfercht zwischen leeren Stühlen und Tischen dasaß mit seinem Schafsgesicht und seinen verknoteten Beinen, als sollte es geschoren werden. So verstellt war der Raum, daß das Mädchen zwischen alle Stühle zu sitzen kam, die Beine übereinandergeschlagen, man wußte nicht, welcher Fuß an welches Bein gehörte. Als es aufstand, sah ich, wie dünn die Waden waren. Es schob ein paar Stühle beiseite und kam auf mich zu. Zu allem Oberfluß war es auch noch betrunken und schwanger. Als ich die Kneipe verließ, kam es mit. Hinter uns drehte der Mann die Stühle mit den Sitzflächen auf die Tischplatten.

Später hat man mir in diesem Zusammenhang das Attribut barmherzig beigelegt. Es sei barmherzig gewesen, das arme Ding mitzunehmen. Eine Dame, die nie einen Schluck zuviel getrunken hat, nimmt ein betrunkenes Mädchen mit in ihr Haus. Wenn das nicht barmherzig ist.

Von Mitnehmen konnte aber keine Rede gewesen sein. Von Mitlaufen höchstens. Das Mädchen lief mit. Ich hätte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen müssen. Daß ich das nicht tat, hat weniger mit Barmherzigkeit als mit Verlegenheit zu tun. Wohin mit jemand, der sich kaum auf den Beinen halten kann. In solchen Situationen tut man, was zu tun ist, richtet eine Mahlzeit her, schlägt ein Notbett in der Wäschekammer auf, legt Handtücher heraus, zeigt die Örtlichkeiten, sagt im Flüsterton: Nun schlafen Sie sich erst mal aus, morgen früh sehen wir weiter.

Morgen gedachte ich die Wohlfahrt anzurufen. Ach du lieber Himmel. Noch ahnte ich nicht: dazu war es bereits zu spät. Monika hatte sich eingenistet in ihrer Ausnüchterungsszelle, gehört sie doch zur Spezies der Parasiten.

Monika überkroch uns mit hundert Gefälligkeiten. Am nächsten Morgen war die Geschirrspülmaschine ausgenommen, der Kaffeetisch für sechs Personen gedeckt mit allen Kinkerlitzchen – wie Monika Servietten, Serviettenringe, Eierlöffel, Eierwärmer nannte –, waren Schuhe geputzt, die Zimmer gelüftet, die Ascher geleert. Vom ersten Tag an ging Monika mir nicht nur zur Hand. Monika ging in alle Ecken, damit wir um Gottes Willen nicht sagen konnten: Was machen wir jetzt mit dir. Den Antrieb dieser Arbeitswut begriff ich durchaus. Sollte das von Dauer sein, dachte ich bei mir, hätte ich ja eine Perle im Haus.