Bremen

Die Post hat den Bremer Fernmeldehandwerker Bernd Bahlmann fristlos entlassen. Grund: Er hat das Dienstgeheimnis gebrochen. Der 25 Jahre alte Facharbeiter kann von sich sagen, er habe die erste Spur von Licht in die verworrene Bremer Abhöraffäre gebracht. Bahlmann mußte im Mai laut Anordnung eines Vorgesetzten eine Telephonleitung anzapfen. Er hielt dies für eine "Schweinerei" und informierte den Inhaber der Telephonleitung. So kam heraus, daß die privaten Telephone der Kriminalbeamten Seiffert und Leunig abgehört wurden. Bei der Staatsanwaltschaft wird die Angelegenheit nach wie vor als Verschlußsache geführt.

Bernd Bahlmann war zweieinhalb Monate, nachdem er den Tip gegeben hatte, noch immer zuversichtlich. Dann kam die öffentliche Sude nach dem unbekannten Tipgeber, und der Postarbeiter – "Ich wollte Schluß machen mit der ganzen Hysterie" – erklärte dem ermittelnden Staatsanwalt: "Ich war das." Er war es auch, der dem Rechtsbeistand der abgehörten Kriminalbeamten, Konrad Hammann, Gelegenheit geboten hat, ein Gespräch mitzuhören.

über das, was den Kriminalbeamten konkret vorgeworfen wird und eine derartig einschneidende Maßnahme wie Telephonüberwachung rechtfertigt, schweigt die Bremer Justiz. Wie man in Bremen längst weiß, sollen Seiffert und Leunig Ganoven vor Razzien gewarnt haben.

Geklärt ist bisher nur, Wer die Abgehörten warnte. Der junge Postarbeiter erklärt heute, daß er damals eine "unheimliche Wut" gehabt habe, als er eine Abhöranlage installieren mußte. Am 1. Mai hatte es in Bremen politische Unruhen gegeben, also kombinierte Bahlmann, die Abhöranordnung müsse politische Gründe haben. Er selbst ist nach eigener Einschätzung als Gewerkschaftsmitglied und Sozialdemokrat politisch interessiert, "aber nicht besonders aktiv". "Das kann morgen auch anderen passieren mit dem Abhören", sagte sich der junge Mann damals, er besprach sich kurz mit seiner Braut und nahm dann Kontakt mit dem Inhaber der angezapften Leitung auf. Die Sache schlaucht ihn mächtig, sie hat ihn seit Mai 36 Pfunde gekostet, "aber ich hatte vorher auch Übergewicht".

Zur Zeit bezieht Bernd Bahlmann Arbeitslosenunterstützung, 160 Mark pro Woche. In seinem Beruf verdiente er zuletzt monatlich 1700 Mark. Anwalt Bandisch, der Bahlmann vor dem Arbeitsgericht vertritt und auch in einem möglichen strafrechtlichen Verfahren, will kein Helden- und kein Rührstück aus der Angelegenheit machen. Ihn fasziniert das Prinzip. Er meint, ein einfacher Arbeiter sei überfordert, wenn ihm ein derartiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Mitmenschen wie das Installieren einer Abhörvorrichtung zugemutet werde, ohne einen für ihn einsehbaren Anlaß und Grund. Bandisch: "Was aus einem solchen Konflikt herauskommen kann, das sehen wir hier." In den Dienstanweisungen des Posthandwerkers steht, er dürfe Anordnungen, die gegen ein Gesetz verstoßen, nicht ausführen. Er soll, heißt es weiter, Bedenken sogleich dem Vorgesetzten mitteilen. Warum ist Bahlmann diesen Weg nicht gegangen? Er antwortet mit einer Gegenfrage: "Meinen Sie vielleicht, damit hätte ich irgendwas erreicht?"

L. W.