Von Heinz Josef Herbort

Die Sibyllen verkünden: Der einzige Gott und Schöpfer wird kommen zum Gericht über Lebende und Tote – "nahe ist dann das Ende der Welt und der Letzte der Tage"; ein gerechter und nicht zu täuschender Richter – "Ursprung der Übel bei allen ist Unverstand und Besitzgier"; ein unerbittlicher, unversöhnlicher Richter – "Gottlose foltert das Feuer für ewig".

Die Anachoreten meditieren: So kann es nicht sein – "die Drohung mit der ewigen Strafe ist Lug, Trug, Gaukelspiel, Blendwerk, Spuk, hellisch Gespenster, uralte Ammenmär"; man müßte mehr wissen – "Gott, schenk uns Wahrsagung, Weissagung, Hellsieht im Traum"; es muß einen Schlußpunkt geben, einen Termin, wo alle Qual aufhört – "das Ende aller Dinge wird aller Schuld Vergessung sein".

Die letzten Menschen schreien: Sie wollen und können nicht mehr – "Herr, mach ein Ende!"; sie vergehen vor Angst – "weh, die Pforten der Unterwelt"; sie haben ihr Gesicht verloren – "wir sind nicht bereitet, wir fallen aus der Zeit am Ende aller Zeit".

Nur Lucifer hat noch Format: "Pater peccavi, Vater, ich habe gesündigt." Und noch während er dies gesteht, wird er erlöst, seine Teufelsmacht wird zerstört, in strahlendem Licht steht er auf hohem Postament, und derweil er entschwindet, singen die himmlischen Stimmen den Hymnus des neuen Äon: "Ta panta nus – Alles ist Geist."

Das eigentlich ist es, was Carl Orffs neuestes Bühnenwerk "De Temporum Fine Comoedia" uns mitzuteilen hat – ein bißchen wenig, in der Tat, selbst wenn es auf etwas mehr als sechzig Bühnenminuten gedehnt wird. Aber das ist nicht das eigentlich Ärgerliche an diesem Stück.

Auch nicht die Musik. Denn: von einer solchen kann hier kaum mehr die Rede sein. Zwar hat Orff sich wieder einen speziellen Klangapparat aufgebaut, in dem außer acht Kontrabässen keine Streicher, dafür aber fast einhundert Schlaginstrumente mitwirken (nur in der Schlußphase, wenn Lucifer abtritt und alles zu Geist wird, verlangt Orff vier mittelalterliche Violen, die einen polyphonen Satz spielen; die vier Instrumente schienen aber bei der Uraufführung nicht mehr in den Orchestergraben des Großen Festspielhauses zu passen, ihre Musik wurde daher – vom Band eingespielt).