Von Christian Schultz-Gerstein

Sie fahren schwere Honda-Maschinen und sind ständig in Alarmbereitschaft. Die hochbezahlten Spezialfahrer rasen mit Geschwindigkeiten zwischen 180 und 230 Kilometern pro Stunde über deutsche Autobahnen, jede Minute ist kostbar. Was diese aufwendige Truppe in solcher Hektik befördert, sind indes nicht Blutkonserven für schwerverletzte Unfallopfer; es sind Filmrollen, Filmrollen von einem Bundesligaspiel, das, um 17.10 Uhr abgepfiffen, um 18.00 Uhr schon in der "Sportschau" auf dem Programm steht – die Filme müssen vorher noch geschnitten werden. "Millionen Sportfreunde mögen es heiß. Wir auch", triumphiert Ernst Huberty, Chef der WDR-Sportredaktion, die die "Sportschau" betreut.

In der von Huberty stolz "atemberaubend" genannten Hetzjagd nach Aktualität erschöpft sich freilich auch schon die Konzeption des Kölner Sportjournalismus, und ein gut Teil seiner Einfallslosigkeit ist auf diesen beschränkten Zielhorizont zurückzuführen. So wenig man zwar als Fußballinteressierter am Sonnabend auf die aktuelle Bundesligaberichterstattung verzichten mag, so gelangweilt sitzt man dennoch vor den hastig zusammengeschnipselten Fünfzehn-Minuten-Filmen, in denen einfach die "Höhepunkte" eines Spiels – Torschüsse, Tore, Strafraumszenen – chronologisch aneinandergereiht werden. Statt einen analytischen Einblick in die das Spielgeschehen bestimmenden Taktiken und Gegentaktiken zu vermitteln, illustrieren diese "heißen" Berichte mittels sozusagen auswendig gelernter Bilderfolgen lediglich das Endergebnis, das man ebensogut (und früher) der originalen Berichterstattung im Hörfunk entnehmen kann. Aktualität erstarrt hier zum Ritual.

Auch das abends ausgestrahlte "Aktuelle Sportstudio" des ZDF verfährt nicht anders, obwohl man in Mainz doch immerhin die Zeit hätte, das Filmmaterial ruhiger zu sichten und perspektivenreicher aufzubereiten. So wurden am ersten Bundesligaspieltag Bildfetzen von allen neun Spielen präsentiert, rasch die Tore heruntergenudelt, die Schützen genannt und das Resultat. Bebilderte Statistik, nichts weiter.

Die Monotonie solcher Art von Präsentation wird einem spätestens dann bewußt, wenn einem weniger spektakuläre, erklärungsbedürftigere Ereignisse als Bundesligaspiele mit derselben Oberflächlichkeit angedreht werden.

Am vorletzten Sonntag (12. August) beispielsweise zeigte die ARD-"Sportschau" einen Bericht von den Vorausscheidungen zur Europameisterschaft der Mehrkämpfer, einer Disziplin, mit der das Gros des Publikums kaum mehr als die Namen Holdorf und Rosendahl verbinden dürfte. Doch nun liefen, sprangen hoch und weit, stießen die Kugel Österreicher, Deutsche, Finnen mit komplizierten, Ungarn mit noch komplizierteren Namen, flott hintereinanderweg binnen zehn Minuten. Der Finne Sowieso hatte noch kaum die "ausgezeichneten" ... Meter übersprungen, da lief eine Deutsche schon die erstaunlichen Sekunden, während die Kugel des Österreichers schon auf die "schwache" Weite flog. So wird der Zuschauer nicht zum Teilhaber eines durchschaubaren Geschehens gemacht, sondern zum Konsum abstrakter Daten verdonnert, deren Zusammenhänge ihm bei einer derart auf Resultate fixierten Berichterstattung etwa so klar werden wie die Zusammenhänge zwischen den auf der Wetterkarte eingezeichneten Hochs und Tiefs.

Diese gewiß ungeplante Strategie der Passivierung und Entmündigung des "lieben Sportfreundes" setzt sich fort in den Nachrichtenblöcken der Sportsendungen. Da wird, nun ohne Filme, der Zuschauer noch tiefer in den Sessel gedrückt von den fehlerfrei und sehr offiziös abgelesenen Zeiten der DDR-Schwimmeisterschaften und der endlosen Namensliste deutscher Kajakmeister.