Präsident Allende verglich die Lage in Chile mit einem Alptraum: einer seiner engsten Mitarbeiter resignierte mit den Worten: "Nur bei uns streiken sich die Leute um des Prinzips willen zu Tode." Das Wort "Bürgerkrieg" istin aller Munde. Terror von rechts wird mit Terror von links beantwortet; Hausfrauen stehen Schlange nach knapp gewordenen Waren, der Schwarzmarkt blüht. Die Inflationsrate hat in diesem Jahr bereits 240 Prozent erreicht und wird für Ende Dezember bei 350 Prozent vermutet.

Die Schwächeanfälle der Regierung folgen einander in immer kürzeren Abständen. Am 26. Juli traten die 45 000 Fuhrunternehmer mit dem erklärten Willen in den Streik, trotz aller Ultimaten der Regierung bis zum bitteren Ende durchzuhalten und ihre Forderungen durchzusetzen: Höhere Frachttarife, Bereitstellung neuer Lastwagen, bessere Versorgung mit Ersatzteilen. Ihre Forderungen sind nicht unbillig. Neun Zehntel der Fuhrunternehmer sind kleine Gewerbetreibende, ohne finanzielle Reserven, die von der Inflation hart getroffen werden und die mit ansehen müssen, wie ihre Existenzgrundlage vernichtet wird.

Die Regierung argumentiert, höhere Frachtraten würden nur die Inflation anheizen; für den Import von Wagen und Einzelteilen fehle es an Devisen. Sie hat mit der Requirierung stillgelegter, aber, vorher unbrauchbar gemachter Lastzüge versucht, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Sie hat den bestgehaßten Mann im Verkehrsministerium, Staatssekretär Faivovich, entlassen, um mit den Unternehmern Verhandlungen aufnehmen zu können. Zwangsmaßnahmen und Sondervollmachten aber hat sie verweigert; daraufhin trat prompt General Cesar Ruiz, Luftwaffenbefehlshaber und Minister für öffentliche Arbeiten und Transportwesen, von seinen militärischen und politischen Ämtern zurück. Das Militär, obwohl über diese doppelte Demütigung eines seiner höchsten Offiziere empört, ordnete sich nur widerwillig der politischen Führung unter.

Wider Willen hat das Militär eine Schlüsselstellung eingenommen. Rechtsextremistische Kräfte versuchen, die Armee zum Putsch gegen die Volksfront-Regierung zu verleiten; gemäßigte Oppositionelle verlangen ein reines Militärkabinett, um das sozialistische Experiment rasch abzubrechen; selbst Regierungsanhänger hoffen, daß die Offiziere Ruhe und Ordnung wiederherstellen, um die Regierungsautorität zu stabilisieren; von ganz links wird den Soldaten zugerufen, nicht auf Brüder und Schwestern zu schießen, wenn die jetzt unvermeidliche sozialistische Revolution ausbrechen sollte.

Taxi- und Busfahrer, Ärzte und Einzelhändler haben sich inzwischen den streikenden Fuhrunternehmern angeschlossen oder gedroht, ebenfalls die Arbeit niederzulegen. Darauf wollen die Arbeiter mit Sympathiestreiks antworten. Inzwischen sind die Schulen wegen des fehlenden Heizmaterials geschlossen, verdirbt ein Teil der nicht abtransportierten Ernte, stirbt Vieh wegen Futtermangel. Rechts- und linksextreme Terroristen vergrößern das Chaos mit Bombenanschlägen, Morden und Feuerüberfällen.

Niemand weiß, ob Allende noch einmal einen Ausweg findet. Mit jeder Krise wächst die Entschlossenheit der Opposition, die Regierung zu stürzen; freilich sind die Gegner des Präsidenten wegen ihrer Obstruktionspolitik mitverantwortlich für die Misere.

In Chile war die Kluft zwischen reich und arm, Abhängigen und Privilegierten schon immer groß. Allendes Vorgänger Frei war mit seinen Reformen bis an den Punkt gelangt, wo die sozialen Strukturen verändert werden mußten. Allende hat es versucht, aber den Widerstand der Etablierten unterschätzt, deren Parteien in beiden Häusern des Parlaments die Mehrheit besitzen. Heute steht die Volksfrontregierung vor der Wahl, das sozialistische Experiment oder die parlamentarischen Spielregeln preiszugeben. Kapituliert sie vor den Forderungen der Rechten, muß sie fürchten, daß es zum Bürgerkrieg kommt. Beharrt sie darauf, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen, droht der wirtschaftliche Zusammenbruch.

Allendes Manövrierraum ist schmal geworden. Seine einzige Stütze ist noch das Militär. Den meisten Offizieren aber ist diese Verantwortung zu schwer. Horst Bieber