Von Hans-Hagen Bremer

Die feine Sprache der Diplomaten ist europäischen Agrarpolitikern nicht immer geläufig. "Wenn der das glaubt, ist er reif für den Psychiater", platzte Josef Ertl, als ihm eine "rein intellektuelle Fragestellung" seines französischen Kollegen Jacques Chirac hinterbracht wurde.

Im April, als die Debatte der EG-Agrarminister über die neuen Erzeugerpreise hoffnungslos festgefahren war, hatte Chirac die Vermutung zum besten gegeben, Ertl stemme sich nur deshalb gegen die von Frankreich unterstützten Vorschläge der Europäischen Kommission, weil die Bundesregierung sich gegenüber den USA und der Sowjetunion die Hände frei halten wollte – gegenüber den Amerikanern wegen der kommenden GATT-Gespräche und gegenüber Moskau wegen der Ostpolitik.

Die Vermutungen des Jacques Chirac und die deftige Reaktion des Josef Ertl waren in der gereizten Stimmung nächtelanger Marathonverhandlungen entschuldbar. Doch Chiracs "intellektuelle Fragen" bereiten Paris heute immer noch Kopfzerbrechen. Gegenüber dem französischen Nachrichtenmagazin "Le point" gab Chirac zu erkennen, daß er mehr denn je fürchtet, die Bundesrepublik könne sich von Europa abwenden. "Anfangs glaubte ich, es handle sich um die persönliche Haltung Ertls. Seit dem Besuch mit Präsident Pompidou in Bonn habe ich jedoch festgestellt, daß es die Haltung der Regierung Brandt ist."

Doch mit der Verbreitung solcher Erkenntnisse allein gab sich Chirac nicht zufrieden. Er holte gleich noch zu weiteren Angriffen auf europäische Politiker aus: Den Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, den Briten Sir Christopher Soames, beschuldigte er, lediglich die Interessen seiner Zuckerindustriellen zu vertreten. Dem in der Kommission für die Agrarpolitik zuständigen Holländer Petrus Lardinois warf Chirac vor, er sei nach Washington gereist, um mit dem Hut in der Hand um Soja zu betteln. Seinen Landsmann Claude Cheysson schließlich (zuständig für Entwicklungspolitik) gar verdächtigte er einer besonders üblen Sünde wider den Geist des Gaullismus: Er lasse sich von den Briten und Holländern überzeugen.

Einen Monat zuvor hatte Chirac die Europäischen Kommissare noch rauher angegangen. Die Kommission hatte er der Unfähigkeit geziehen, ihre Vorschläge zur Neuausrichtung der europäischen Zuckerproduktion als lächerlich verworfen und dann die Kommissare selbst angerempelt. Über Soames: Man wisse ja, woher er komme und was er denke. Über Cheysson: Er habe seine nationalen Pflichten in der Kommission vergessen.

Die Europäische Kommission, die weder auf Presseartikel noch auf Erklärungen von Politikern der Mitgliedstaaten zu reagieren pflegt, sah sich veranlaßt, eine Ausnahme von der vornehmen Regel zu machen, öffentlich wies sie den gallischen Hitzkopf darauf hin, daß sie ein Kollegium sei, unabhängig und allein den Interessen der Gemeinschaft verpflichtet.