Für das Bonner Bildungsministerium ist die Sache völlig klar: "Der Besuch von Berufsfachschulen und das Berufsgrundbildungsjahr sind auf die Ausbildung anzurechnen." Doch was die Ministerialbürokratie im Juli 1972 mit einem Federstrich zu regeln glaubte, bereitet vielen Lehrlingen einiges Kopfzerbrechen. Denn die Lehrherren sind von der Anordnung aus Bonn keineswegs begeistert.

Rund 100 000 Lehrlinge haben jetzt das durch das Berufsbildungsgesetz von 1969 eingeführte Berufsgrundschuljahr abgeschlossen und die Berufsfachschule absolviert. Sie wollen nun mit der eigentlichen beruflichen Ausbildung beginnen und suchen eine Lehrstelle. Doch nicht in allen Betrieben sind sie gern gesehen. Meist ist die traditionelle Lehre nämlich noch auf drei Jahre und auf das Nebeneinander von Schule und Betrieb festgelegt. Und sie nun einfach um ein Drittel zu kürzen, das paßt verständlicherweise manchem Ausbilder nicht ins Konzept.

Ein Beispiel verdeutlicht das Problem: In der Verordnung über die Ausbildung zum Industriekaufmann ist für jedes Ausbildungsjahr genau vorgeschrieben, welcher Wissensstoff zu vermitteln ist. Im ersten Jahr geht es zum Beispiel vier Monate lang primär um den Produktionsbereich, im zweiten Jahr vier Monate lang um Personalwesen, im dritten Jahr stehen viereinhalb Monate Betriebsrechnung und Kalkulation auf dem Lehrprogramm.

Hat nun der Auszubildende bereits das Berufsgrundbildungsjahr absolviert, so muß der Ausbildungschef die leidige Frage beantworten, wie die Ausbildungszeit sinnvoll um eben dieses Jahr verkürzt werden kann. Ein Problem, vor dem mancher Lehrherr kapituliert, indem er auf den Lehrling einfach verzichtet.

Es wäre aber sicher voreilig, schon heute das Grundbildungsjahr als unpraktikabel zu verwerfen. Denn eine breit angelegte Basis beruflichen Wissens scheint für den Nachwuchs unentbehrlicher denn je. Die beschleunigte technische Entwicklung verlangt immer dringender allgemeine und theoretische Kenntnisse, die in der Lehrwerkstatt oder im Büro in aller Regel nicht vermittelt werden.

Die breite Grundausbildung bietet aber noch weitere Vorteile. Sie läßt Zwischenqualifikationen zu und bietet Jugendlichen die Möglichkeit, erst nach Kenntnis eines gesamten Berufsfeldes die Entscheidung für den endgültigen Beruf zu treffen. Das Berufsgrundbildungsjahr hat demnach "eine Gelenkfunktion zwischen der allgemeinbildenden Schule und der Fachbildung zu erfüllen" (so der Berufsbildungsbericht der Stadt Hamburg).

Die bisherige Standardregelung sieht 24 Stunden fachlichen und allgemeinpolitischen Unterricht vor. Doch hinter den Kulissen wird heftig um die Gewichtung des Unterrichtspensums gerangelt. So wollen die Unternehmer mehr Wochenstunden für die fachtheoretischen und -praktischen Fächer reservieren. Da die Kultusministerkonferenz als zuständige Instanz noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat, sind die Rahmenlehrpläne noch nicht bundeseinheitlich festgelegt. Auch die Abstimmung mit den bereits gültigen Ausbildungsordnungen ist generell noch sehr unvollkommen.