Auf der Suche nach dem wahren Wert

Minister Vogel löste eine Bewertungsgesellschalt auf und übernahm ihre Aufgabe

Den Anstoß gab der Bauingenieur Günter Staub aus Osnabrück. Unter dem früheren Wohnungsbauminister Lauritz Lauritzen wurde sein Projekt gefördert. Der neue Mann im Wohnungsbauministerium ließ es wieder fallen. Jochen Vogel gab jetzt Weisung, die "Grund- und Bauwert GmbH" zu liquidieren.

Staub, renommierter Bauunternehmer seiner Heimatstadt und vereidigter Sachverständiger für Grund- und Gebäudebewertung, witterte im Zuge des neuen Bonner Städtebaugesetzes 1970 ein neues Geschäft. Er gründete die Treutax-Bewertungsgesellschaft und steckte sich zum Ziel, mit dieser Gesellschaft die Voraussetzungen für ein bundesweites einheitliches Bewertungsverfahren zu schaffen.

Bislang nämlich sind die Bewertungskriterien etwa bei Enteignungs- und Entschädigungsverfahren so unterschiedlich, daß sich Käufer oder Verkäufer, Entschädigter oder Entschädigender nicht selten übervorteilt fühlen. Sparkassen, Hypothekenbanken und kommunale Gutachterausschüsse kommen häufig zu divergierenden Werturteilen. Einheitliche Richtlinien und Verfahren gibt es nicht.

Diesem. Mißstand wollte Staub entgegentreten. Nicht zu Unrecht glaubte der Unternehmer, in Bonn und bei allen an der Bewertung interessierten Verbänden offene Türen einzurennen. In Bonn kontaktierte Staub den ihm gut bekannten Staatssekretär Louis Storck, der den Treutaxer förderte und sich bei Verbänden für dessen Bewertungsbelange einsetzte.

Die Verbände, unter anderem Bauernverband, Deutscher Industrie- und Handelstag, Deutscher Städtetag, der Verband privater Wohnungsunternehmen, Zentralverband der Haus- und Grundbesitzer wie diverse andere Spitzenverbände der Wohnungswirtschaft zeigten sich interessiert. Aus gutem Grund: Wenn ihnen die Möglichkeit gegeben würde, an der Erarbeitung und Praktizierung neuer Bewertungsrichtlinien und Verfahren mitzuwirken, konnte damit sichergestellt werden, daß von vornherein auch ihre Interessen berücksichtigt würden. Überdies versprach die privatwirtschaftliche Konstruktion der Gesellschaft mehr Wirtschaftlichkeit als staatliche Institutionen. Denn die Gesellschaft sollte ihre Ergebnisse und ihre Arbeit als Dienstleistungsunternehmen für Bewertungsfragen zur Verfügung stellen und auf dem Wohn- und Grundstücksmarkt operieren.

Doch Staub wurde mit seiner Treutax ausgebootet. Stattdessen entstand im November vergangenen Jahres nach langem Tauziehen unter dem Segen des Wohnungsbauministeriums die "Grund- und Bauwert GmbH". Für den halbstaatlichen Charakter sorgte die bundeseigene "Deutsche Bau- und Bodenbank" in Frankfurt, die sich mit 151 000 Mark an dem Stammkapital von 300 000 Mark beteiligte. Ziel war, die Gesellschaft zu einem Organ der staatlichen Wohnungspolitik zu etablieren. Deshalb sollte die GmbH auch gemeinnützigen Charakter haben.

Auf der Suche nach dem wahren Wert

Der Gesellschaft und ihrer Geschäftsführung wurde eine Fachkommission aus unabhängigen Sachverständigen beigeordnet. Sie sollte die Grundlagenforschung für die neuen Bewertungsrichtlinien erarbeiten, Daten aufbereiten und Verfahrenspraktiken entwickeln. Aber bereits im Gesellschaftsvertrag hatte sich der Wohnungsbauminister maßgebenden Einfluß auf die Gesellschaft gesichert.

Die Verbandsvertreter indes bauten auf die unabhängigen Sachverständigen und glaubten, dadurch den Einfluß des Bundes auf die künftigen Bewertungsfragen in Grenzen zu halten.

Doch schon in den ersten Arbeitssitzungen zeigte sich, daß der Wohnungsbauminister sich nicht gängeln lassen, sondern vielmehr selber gängeln wollte. Ein Mitglied der Gesellschaft "Die Vertreter des Ministeriums sprachen häufig vom politischen Impetus, mit dem die wissenschaftlichen Ergebnisse der Fachkommission versehen werden müßten. Da war uns klar, wohin die Reise geht."

Im Bonner Wohnungsbauministerium allerallerdings wird energisch bestritten, es sei der Versuch gemacht worden, die Sachverständigen vor den Karren einer bestimmten Bewertungspolitik zu spannen. Regierungsdirektor Berkefeld gibt zwar zu, daß es wegen der Unabhängigkeit der Sachverständigen zu Reibereien gekommen sei, diese seien jedoch ausgeräumt worden. Daß Bonn sein Interesse an der Gesellschaft verloren habe und daher die Liquidation beschlossen wurde, habe ganz andere Gründe. Berkefeld: "Die Gesellschaft war zeitlich und finanziell nicht in der Lage, die anstehenden Aufgaben zu bewältigen."

Architekt Wilhelm Klocke, Sachverständiger in der Fachkommission der Gesellschaft, hält diese Argumentation allerdings für fadenscheinig. Er meint vielmehr, das Ministerium sei überfordert, die Bewertungsprobleme zentrale Fragen bei der Reform des Bodenrechts – mit einem Zwei-Mann-Referat zu bewältigen, wie es gerade jetzt erst vom Ministerium eingesetzt worden sei. Der Vorteil, die Bewertungsprobleme von Amts wegen zu lösen, liegt allerdings auf der Hand. Denn nun braucht das Ministerium nicht zu fürchten, daß ihr "politischer Impetus" durch Sachverständige von außerhalb durchkreuzt wird. Klocke: "Was das Ministerium macht, ist ja von vornherein richtig. Wir waren denen dabei zu unbequem."

Richtig fand Regierungsdirektor Berkefeld, daß die Gesellschaft auch aus finanziellen Gründen aufgelöst wird. Denn bereits bei der Gründung war die Liquidation für den Fall vereinbart worden, daß die Hälfte des Kapitals der Gesellschaft aufgebraucht ist.

Dieser Fall war tatsächlich eingetreten; denn bisher konnte die Gesellschaft aus ihrem beabsichtigten Dienstleistungsgeschäft noch keine Einnahmen verzeichnen. Doch Bonn hat selbst dazu beigetragen, daß die Mittel schnell erschöpft waren. Architekt Klocke: "In Aussicht gestellte Forschungsmittel für die Gesellschaft wurden nicht gewährt, sondern anderweitig vergeben."

Auf der Suche nach dem wahren Wert

Ob die Liquidation der Gesellschaft den Wohnungsbauminister Jochen Vogel bei der Lösung der Bewertungsfragen schneller zum Ziel bringt, ist fraglich. Denn jetzt muß er mit weit mehr Widerstand gegen seine Pläne rechnen als zuvor. War in der "Grund und Bauwert GmbH" noch Gelegenheit, unterschiedliche Gruppenauffassungen im internen Interessenausgleich zu klären, muß das Ministerium nun gegebenenfalls massiven Widerstand von außen fürchten. Architekt Klocke strebt bereits einen Zusammenschluß der freien Sachverständigen an, die dann an der Weiterentwicklung der Bewertungsfragen aus ihrer Sicht mitarbeiten sollen, um den Bonner Plänen notfalls Paroli bieten zu können.

Wolfgang Hoffmann