Der Versuch, Sport und Literatur in Übereinstimmung oder wenigstens miteinander in Beziehung zu bringen, ist schwierig, wenn nicht aussichtslos, und ist wohl auch im olympischen Jahr wieder einmal gescheitert. Denn Sportler können selten schreiben, und Schriftsteller, Literaten, haben aus Konditions- und Ideologie-Gründen meist ein gespanntes und gestörtes Verhältnis zum Sport.

Entweder ist die Sportliteratur literarisch unbeträchtlich, oder sie wird nicht gekauft, weil Sportanhänger sich ihre Leidenschaft nicht vermiesen lassen. Verleger behaupten, ambitiöse Sportliteratur würde von Sportlern nicht gelesen. Der prekäre Grund liegt aber in der Literatur selber, in den peinlichen Früh-Erfahrungen von schreibenden Einzelgängern, die unter Sport in ihrer Jugend eher gelitten haben. Man denke an die Schulliteratur, die Schülernovellen und Romankapitel. Nicht umsonst heißt ein Paradefall dieser Literatur "Die Turnstunde": Hinrichtung eines Außenseiters – ein frühes Meisterwerk Rilkes.

Erst die Aufhebung des Zwangs, die Befreiung von allen Formen schulischen und militärischen Drills, die Spielform, macht Sport im positiven Sinn, unverkrampft und unverstellt, wieder literaturfähig. Wo übrigens, wenn nicht im proletarischen Umkreis zuerst, sollte man da auf die Suche gehen? Auf diese Frage hat mich Joachim Seyppel gebracht mit seinem Buch –

Joachim Seyppel: "Wer kennt noch Heiner Stuhlfauth"; Serie Piper 59, R. Piper & Co. Verlag, München; 117 S., 8,– DM.

Der Titel verrät allerdings so gut wie gar nichts; er ist fast ein Verrat am Buch. Denn hier wird kein Starkult getrieben, nicht in Reminiszenzen der deutschen Fußballgeschichte geschwelgt, nie mit billigen Assoziationen gearbeitet oder mit klotzigen Ergebnissen berühmter "Spiele des Jahres" renommiert. Davon kann beim Heroengeschlecht von der Gasanstalt an der Schmargendorfer Forckenbeckstraße nicht die Rede sein. Wenn in diesem Buch der Vaueffbeluckenwalde auf den Beesvauzweiundfünfzig trifft, so geht es zwar auch "mit Haken und Ösen", das heißt spannend und eben noch an der Grenze des Erlaubten zu, nicht anders als in der Bundesliga, aber dies frühbürgerlich-proletarische Sport-Idyll ist gleichsam aus der Perspektive eines fußballerischen Dreikäsehochs geschildert, dem der Platz an der Gasanstalt mit seinen Protagonisten, Zuschauern und Vereinsbossen zum Spiegel der Gesellschaft geworden ist; nicht zum Lebensersatz, sondern zu dessen legitimem Bestandteil.

Die Heroen heißen denn auch nicht Stuhlfauth oder Sepp Herberger, sondern Kanonen-Schulze mit der Kriegsnarbe an der Stirn, Priegel mit dem Holzbein, der Herr mit dem Monokel, der am Jackettrevers immer ein Ordensband trägt, Leichen-Karl, der Rechtsaußen, Kricket-Müller und Selbstmörder Schönherr, der nach einem im entscheidenden Moment eines entscheidenden Spiels von ihm leichtfertig verschossenen Elfmeter (der im Schlamm vor dem Tor buchstäblich verhungerte) einen dramatischen, glücklicherweise fehlgeschlagenen Selbstmordversuch unternahm ... Wie man sieht, wird es schon am Spielfeldrand tragisch, und wenn auch noch hohe Politik, Krieg und englische Odyssee drastisch in die Geschichte des Schmargendorfer Vereins und seiner Begründer eingreifen, sieht sich der Autor mit Recht zur Feststellung veranlaßt: "Wir wollten nur eine simple, prosaische Fußballgeschichte – Prosaversuche – aufzeichen, und unter der Hand wird es sozusagen dramatisch."

Unter der Hand wird es zu einer Art Entwicklungsroman in Kurzszenen, und man bedauert eigentlich, daß Seyppel der wahre Mut zu dem verließ, was er in einer Reihe großartiggenauer Blitzlichtaufnahmen aus dem Leben eines fußballbegeisterten Jungen angelegt hat. Es gibt darin Kapitel, die zum Besten gehören, was man an erzählerischer Prosa von Joachim Seyppel bisher gelesen hat. Fußballprovinz mit gelegentlichen Abschweifungen – gewiß. Auch über Tore und Siege wird gejubelt, und der Erzähler verschweigt nicht, daß er Fußball für die schönste aller Sportarten hält.

Wichtiger an diesem gelungenen Versuch eines Kurzromans aus der Fußballwelt ist der Nachweis, daß die Leidenschaft zu einem schönen Nichts in eine erzählte Welt ohne Larmoyanz und falsche Fachsimpelei integriert werden kann. Viele haben es noch nicht versucht, einem ist es gelungen. Das tröstet über die Feststellung hinweg, daß das Buch als Ganzes, als Roman, ein Ansatz geblieben ist. Martin Gregor-Dellin