Von Tilman Neudecker

Vermutlich ist es das erste Mal, daß amerikanischen Wissenschaftlern ein geplantes Experiment auf gerichtlichen Beschluß verboten wurde. Ein Gericht in Detroit fällte kürzlich ein vielbeachtetes Urteil, das für die experimentelle Gehirnforschung in – den Vereinigten Staaten – und nicht nur dort – möglicherweise folgenschwere Konsequenzen hat. Das Problem, mit dem sich die US-Richter auseinanderzusetzen hatten, könnte auch hierzulande und in jedem anderen wissenschaftlich hochentwickelten Staat aktuell werden. Schon deshalb kommt diesem Urteil, wie ein ausführlicher Bericht der britischen Wissenschaftszeitschrift Nature (Vol. 244) zeigt, zumindest als Diskussionsgrundlage auch außerhalb Amerikas prinzipielle Bedeutung zu.

Häftling willigte ein

Zur Debatte stand der Fall eines 36jährigen Mannes, der als kriminell-sexueller Psychopath bereits die Hälfte seines Lebens in geschlossenen Anstalten verbracht hatte, als man ihm ein Angebot machte, dem zu widerstehen er keine Veranlassung hatte. Würde er sich für eine experimentelle Gehirnoperation mit dem Ziel einer chirurgischen Therapie seines psychischen Fehlverhaltens zur Verfügung stellen, so eröffnete man ihm, dann wäre er im Falle eines Operationserfolges von seinen Aggressionen befreit und könnte fortan in Freiheit leben. Der Mann unterschrieb eine Einwilligungserklärung und wurde damit der erste Patient im Rahmen eines Versuchsprojekts, das die Lafayette-Klinik, ein renominiertes psychiatrisches Forschungsinstitut, in Zusammenarbeit mit der Staatsuniversität von Wayne in Angriff genommen hatte.

Ziel des ehrgeizigen Forschungsvorhabens war es, die Konsequenzen chirurgischer Eingriffe im Bereich der Amygdala, dem Emotionszentrum des menschlichen Gehirns, mit den Wirkungen eines in der Bundesrepublik entwickelten Medikaments zu vergleichen, das unter anderem zu Impotenz und damit auch zur Verhinderung sexueller Aggressionen führt. Es galt also zu prüfen, welche Methode zur Kontrolle kriminellen Sexualverhaltens beim Menschen besser geeignet scheint.

Nachdem zwei Komitees sowohl die wissenschaftliche Relevanz des Projekts als auch die Gültigkeit der Einverständniserklärung des Patienten geprüft und bestätigt hatten, schien eigentlich nichts mehr dem Vorhaben der Wissenschaftler im Weg zu stehen, mit Hilfe von Elektroden im Gehirn des Probanden die elektrischen Ströme des Gefühlszentrums aufzuzeichnen und im Falle einer offensichtlichen Abnormität ein winziges Stückchen Hirngewebe auf elektrischem Wege zu zerstören. Indes, noch ehe das Experiment starten konnte, wurde das ganze Projekt durch richterliches Veto vorläufig und vermutlich für immer gestoppt. Der Einspruch der Richter in diesem spektakulären Einzelfall macht deutlich, welch schwierige Probleme generell bei Versuchen an und mit Menschen berührt werden.

Erster Einwand: Bewußte Zustimmung zu einem psycho-chirurgischen Eingriff ist bei einem unfreiwillig inhaftierten Psychopathen nicht möglich. Potentielle Versuchspersonen leben gewöhnlich seit längerer Zeit in Anstalten oder Gefängnissen, wodurch ihre Willensbildung und Entscheidungsfreiheit stark beeinträchtigt sind.