Von Wolfram Siebeck

Bei Ausgrabungen in England wurden wieder einmal Überreste der Römer gefunden. Bekanntlich braucht man in den Londoner U-Bahnschächten nur ein Plakat von der Wand zu kratzen und steht vor einem römischen Mosaik. Diesmal handelt es sich um eine außergewöhnlich gut erhaltene 6-Zimmer-Wohnung, die von dem Befehlshaber einer römischen Garnison am Hadrianswall in Northumberland bewohnt worden war. Dieser solide Mieter, aus guter Familie, literarisch interessiert und allem Modischen aufgeschlossen – er trug schicke rot-weiß gestreifte Anzüge, die damals die gleiche Bewunderung hervorriefen wie die kühnen Dessins der Jacken unserer Tagesschausprecher –, dieser arbiter elegantiarum also lebte in unglaublichem Schmutz und Dreck. Die Archäologen fanden eindeutige Beweise dafür, daß der römische Aristokrat in Ermangelung einer Toilette die Fußböden seiner Komfortwohnung mißbrauchte. Er war, wie wir heute sagen, nicht stubenrein.

Die Reaktion in der englischen Öffentlichkeit reicht vom blanken Entsetzen der alten Oxford Dons bis zum höhnischen Gelächter ihrer langhaarigen Kinder, denen das Getue um die so wundervoll kultivierten und zivilisierten Römer schon lange zum Hals heraushing.

Dabei gibt es keinen Grund für Hohn oder Enttäuschung. Der Herr aus Rom erlitt nur das Schicksal vieler Herren aus Köln, Brüssel, Kopenhagen, die im Ausland Ferien machen. Ich will hier nicht noch einmal die sattsam bekannten Mängel in den Ferienhotels an der Costa Brava, der Ligurischen Küste, in Dalmatien oder am Schwarzen Meer aufzählen. Wer jemals beim Anblick einer nicht schließenden Badezimmertür Tränen des Glücks vergoß – aus Dankbarkeit darüber, daß überhaupt eine Tür da war –, der weiß, was gemeint ist.

Es könnte kein falscheres Bild über unsere derzeitige Zivilisation entstehen, wenn Archäologen in zweitausend Jahren das "Miramar" in X. ausgrüben und an Hand der Funde Rückschlüsse auf die Menschen des 20. Jahrhunderts zögen. Das Ferienhotel als Gefängnis und die Vollpension als Strafverschärfung – das sind Verwechslungen, denen selbst der Zeitgenosse oft genug zum Opfer fällt. Ist es nicht so, daß Wohnungssuchende entsetzt die schäbige Einzelzelle eines Wohnsilos besichtigen, die ihnen als Luxus-Apartment im Grünen inseriert wurde (und trotzdem mieten)? Bestimmt hat man auch dem römischen Herrn die herrlichsten Versprechungen gemacht. "Northumberland", lockte Hadrians-Travel-Agency damals, "ist eines der wenigen, unentdeckten Paradiese. Erleben Sie den Wildreichtum der englischen Wälder! Genießen Sie den klaren Norden! In Komfort-Villen, nur eine Meile bis zum Hadrianswall!"

Wie weit es bis zum nächsten locus war, erfuhr er jedoch nicht, der arme Tölpel, und so kam es, daß Archäologen ihn rund 2000 Jahre später ein Ferkel nannten. Zwar widmete Vigoleis Thelen ihm vorausschauend ein paar tröstende Zeilen: "Wer nie sein Wasser falschen Ortes / mit kühnem Mut ins Weite schlug / wer nie den Deckel des Abortes / als Talisman am Halse trug ...", nur den träfe des Dichters Fluch, meinte Thelen. Mag ja sein.-Aber auch der Ärmste, der all diese Bedingungen erfüllt, hat es, wie man sieht, nicht leicht: Ihn trifft der Fluch der Archäologen.