Vor fünf Jahren, in der Nacht zum 21. August 1968, besetzten die Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten die Tschechoslowakei

Von Gabriel Laub

Im Januar 1968, unmittelbar nach der Wahl; Dubčeks zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, war ich auf Einladung des Verbandes der Filmschaffenden der UdSSR in der Sowjetunion. Für die sowjetischen Kollegen brachte ich eine Liste mit etwa fünfzig Titeln von tschechoslowakischen Filmen mit, die die sowjetische Einkaufsmission ablehnte. Die sowjetischen Einkäufer waren unfehlbar – alles, was in der Produktion.der letzten fünf Jahre einen Rang hatte, stand auf meiner Liste; Als ich nach der Vorführung zweier Filme, die ich mitgebracht hatte – "Niemand wird lachen" von Hynek Bočan und Miloś Formans "Es brennt, mein Schatz" –, die versammelten führenden Kritiker über die neueste Entwicklung des tschechoslowakischen Films informierte, sagte mir ein Kritiker: "Warum so vorsichtig? Du kannst viel offener sprechen!"

Im Mai 1968 führte ich an der Universität in Jerusalem ein improvisiertes Gespräch mit etwa siebenhundert Teilnehmern. Auf den Plakaten war der slowakische Schriftsteller Ladislav Mňačko angekündigt, der damals in Israel sehr populär war. Aus Protest gegen die antiisraelische Politik der tschechoslowakischen Regierung verließ der Nichtjude, und Kommunist Mňačko im Jahre 1967 seine Heimat, wurde ausgebürgert, verbrachte einige Monate in Israel und schrieb ein leidenschaftliches Buch: "Die Aggressoren." Eben an diesem Mittwoch flog Mňačko zurück nach Prag, und ich mußte einspringen.

Die erste Frage kam aus den hintersten Reihen der Aula. Ein Student sagte: "Wir lesen in den Zeitungen, daß die Sowjets die Grenzen der Tschechoslowakei mit ihren Divisionen umzingeln. Es sieht genauso aus wie im Mai 1967, als die Araber an den israelischen Grenzen ihre Armeen konzentrierten. Glauben Sie, daß die Russen in der Tschechoslowakei militärisch intervenieren werden?" "Bei den Sowjets kann man nie wissen", antwortete ich. "Ich glaube jedoch nicht, daß sie uns angreifen werden. Das haben sie gar nicht nötig. Übrigens", sagte ich optimistisch, "der Vergleich mit Israel 1967 klingt für die Tschechoslowakei nicht hoffnungslos."

Einen Monat später, Ende Juni 1968, war ich nicht mehr ganz so optimistisch. Als sich die tschechoslowakischen und sowjetischen Parteiführer in Cierna und Tisou trafen, beeilte ich mich, eine neue Ausreisegenehmigung für ein Jahr und für alle Länder der Welt zu beantragen (die alte, die erste, die ich je hatte, war gerade abgelaufen), und suchte Protektion, um sie schnell zu bekommen. Ich glaubte nicht, daß man mit den Sowjets einen Dialog führen könne. Wir kannten alle den alten Witz: Während einer Parteipräsidiumssitzung wird der Erste Sekretär und Staatspräsident Antonìn Novotny zum Telephon gerufen. Der Kreml ist am Draht. Die Genossen hören ehrfürchtig zu, was der Erste sagt: "Ja ... ja ... ja ... jajaja ... natürlich – ja ... ja ... nein, nein ... Auf Wiederhören." "Wieso hast du ‚nein, nein‘ gesagt?" fragen sie erstaunt. "Ach, Breschnjew fragte, ob es in Prag auch regnet."

Am 20. August 1968 abends führte ich Freunde aus Paris in das Restaurant "Grusia". Im Foyer traf ich einen Freund, einen Schriftsteller. "Wie schätzt du die Lage ein?" fragte er mich, und ich schätzte, daß wir noch etwa zwei Monate Zeit haben. Nein, militärische Bedrohung, das ist Quatsch. Wozu? Die Sowjets haben genug Mittel, um uns mit wirtschaftlichen, diplomatischen und parteidiplomatischen Maßnahmen in die Knie zu zwingen, unsere unsicheren Führer einzuschüchtern und zu zähmen. International gesehen wäre ein freiheitliches, demokratisches, sozialistisches Land den Amerikanern genauso unangenehm wie den Russen, und zwar aus dem gleichen Grund: Man könnte dann nicht mehr den Sozialismus mit dem Stalinismus gleichsetzen. Und innenpolitisch? So wie unsere Wirtschaft jetzt kaputt ist, wird es Jahre dauern, sie in einen normalen Zustand zu bringen. Das bedeutet, Fabriken müssen geschlossen oder umgestellt werden, es wird an manchen Orten Arbeitslose geben, die Wohnungsnot wird in verschiedenen Städten größer werden, die Mieten müssen drastisch erhöht werden, um Geld für das Instandhalten der Häuser einzubringen, alle bislang nicht ökonomisch errechneten Preise werden in die Höhe schnellen ... Das Volk ist aufgewacht, voller Energie, alles zu ändern, und sicher bereit, die Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen. Nur, dieser Zustand kann nicht ewig dauern, denn wenn man zehn Jahre lang den Gürtel wird enger ziehen müssen, werden die Leute bald schimpfen und sagen, unter Novotny war es besser ... "Das klingt überzeugend", sagte mein Freund und schüttelte mit dem Kopf, "aber ich bin nicht so pessimistisch wie du." Eine Woche später trafen wir uns in Wien und konnten nicht einmal darüber lachen, daß meine pessimistische Voraussage mit der Zweimonatsfrist sich als optimistische entpuppt hatte. Er kehrte dann nach Hause zurück und gehört jetzt zu der schweigenden Mehrheit der tschechischen Schriftsteller.